Archive for the ‘Geschichte’ Category

September 22nd, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Geschichte, Medien

Im Schatten

Victor Klemperers Tagebücher sind weltberühmt. Doch keiner kennt den Mann, der sie einst dem Vergessen entriss.

DIE ZEIT, 22.09.2011

Uwe Nösner wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der Mann, der in den Tagebüchern von Victor Klemperer schon 1987 Literatur erkannte, schlurft im abgetragenen Jeansanzug durch den Sächsischen Landtag. Die Schultern des 51-Jährigen hängen tief. Sein Büro im zweiten Stock ist grau und eng. »Den Kaffee muss ich selber kochen«, nuschelt Nösner. Er bekommt selten Besuch hier, und noch seltener fragt ihn jemand nach Klemperer.

Dabei war Nösner der Erste, der weite Passagen der heute weltberühmten Tagebücher des Dresdner Romanistikprofessors mühsam entzifferte – was ihm allerdings weder Ruhm noch Geld einbrachte. Bekannt sind inzwischen die Bände aus dem Aufbau-Verlag: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten verkaufte sich 350.000 Mal und steht in fast jeder Schulbibliothek. Millionen Menschen sahen in der ARD Klemperer – Ein Leben in Deutschland . Aber nur wenige verbinden mit den Tagebüchern den breit sächselnden, etwas vergeistigt wirkenden Landtagsmitarbeiter Nösner, der in seiner Freizeit dichtet und hauptberuflich Reden und Grußworte des Landtagspräsidenten schreibt.

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Januar 6th, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Geschichte, Politik

Erinnern – aber richtig

Ein Denkmal für Helmut Kohl in Dresden, ein weiteres für die 89er-Bewegung in Leipzig – wer braucht das? Warum eine Debatte über die Erinnerungskultur guttut.

DIE ZEIT 06.01.2011

Der Kabarettist freut sich schon. Manfred Breschke läuft im Schneegestöber zu einer Baugrube unweit des Dresdner Hauptbahnhofs. »Hier stand ja früher das Lenin-Denkmal«, sagt Breschke. Das sei auch eine nette Vorlage gewesen. Aber Kohl in Bronze vor der Frauenkirche? Humoristisch schwer zu toppen! »Wohnt nicht der Biedenkopf neben der Kirche«, fragt Breschke, »Kohls alter Parteifeind?« Dann stünde der Rivale bald direkt vor seinem Fenster. »Nicht dass wir noch Heiner Geißler als Schlichter holen müssen.«

Ende Januar wird der Dresdner Stadtrat entscheiden, ob vor der Frauenkirche künftig an den Altkanzler erinnert wird. »Wir wollen Kohls Besuch am 19. Dezember 1989 würdigen«, sagt Sebastian Kieslich von der CDU. Vor den Trümmern am Neumarkt habe Kohl den unvergessenen Satz gesprochen: »Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit der Nation.« Kieslich hat den darauf einsetzenden Jubel noch in den Ohren und nun das Denkmal beantragt. »Die Form ist noch offen«, betont er. Doch das Kabarett spottet schon über die Wirtschaftswunder-Hand, die man bald, in Bronze gegossen, küssen könne. »Peinlich« nennt die Bürgerrechtlerin und Grünen-Stadträtin Ulrike Hinz den Antrag. »Wir haben 1989 den aufrechten Gang gelernt. Und jetzt sollen wir uns vor Kohl verbeugen?«

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August 1st, 2008 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Geschichte, Justiz, Medien, Politik

Weltensammlerin

Carolin Emcke war 22 Jahre alt, als die RAF ihren Patenonkel Alfred Herrhausen ermordete. In einem Essay fordert sie: Lasst die Täter laufen, wenn sie uns ihre Geschichte erzählen.

journalist 08/2008

Und dann sah sie plötzlich den Wagen. Einen gesprengten, verkohlten Mercedes, der quer über der Straße in Bad Homburg lag. Rundherum standen Schaulustige, Polizisten und Beamte des BKA. Aber keiner schien sich für die junge Frau zu interessieren, die zwischen Parkhaus und Taunus-Therme wortlos aus einem Taxi gestiegen war und nun auf das zerfetzte Auto zulief.

Carolin Emcke weiß selbst nicht mehr, wie sie an jenem 30. November 1989 nach Bad Homburg gelangt ist. Sie erinnert sich nur noch an das Auto, das quer auf der Straße lag. „Unnatürlich wie ein verrenktes Gelenk, das vom Leib absteht.“ Wenige Stunden zuvor war auf dem Rücksitz ihr Patenonkel verblutet. Der Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. Eines der letzten Opfer der RAF, ermordet durch eine auf einem Fahrradgepäckträger versteckte Bombe. Emcke kannte Herrhausen seit ihrer Kindheit. Ein väterlicher Freund, mit dem sie als Teenagerin stundenlang über Politik diskutieren konnte.

Mehr als 18 Jahre hat sie – die Journalistin – nicht die Kraft gefunden, darüber zu schreiben. Nur einmal, in einer Reportage aus dem Libanon, erwähnt sie im Jahr 2000 beiläufig, dass sie einen guten Freund bei einen Anschlag verloren habe.

Jetzt hat Emcke die bruchstückhafte Erinnerung in einem Essay verarbeitet. Es heißt „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“. Im September wird Emcke dafür mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Ausgerechnet sie, eine Hinterbliebene, fordert in dem Text Freiheit für die Attentäter. Emcke stellt nur eine Bedingung: Reden müssen sie. Öffentlich!

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