Archive for the ‘Medien’ Category

Dezember 6th, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien, Sport

Der Spielverderber

Früher war Hajo Seppelt Wettkampfschwimmer. Heute ist er einer der unbequemsten Sportjournalisten in Deutschland, der nicht nur in Funktionärskreisen, sondern zum Teil auch unter Journalistenkollegen umstritten ist. Seppelt ist Aufdecker und Eigenbrötler zugleich. Für die ARD wird er 2012 wieder als Dopingexperte von den Olympischen Spielen berichten.

 journalist, 12/2011

Es gab Zeiten, da wirkte Hajo Seppelt selbst wie gedopt. Er arbeitete unermüdlich, denn er wollte der Beste sein, der erste Enthüller der ARD in Sachen schmutziger Sport. Seppelt suchte deutsche Verbindungen zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes, er recherchierte zur Wiener Blutbank, erklärte in Fernsehinterviews so seltsame Medikamente wie Hydrochlorothiazid und verriet, was Testosteron noch so bewirkt – außer, dass es einen Mann zum Mann macht. Nebenbei drehte er Dokumentarfilme wie Geheimsache Doping oder Mission: Sauberer Sport.

Man konnte den Eindruck gewinnen, Seppelt vertraue jedem Versicherungsvertreter mehr als den Sportfunktionären. Wenn mal wieder ein Tour-de-France-Fahrer mit ungewöhnlichen Blutwerten ertappt wurde, donnerte Seppelt ins Mikrofon: „Alle haben geschwiegen, das ist mal wieder typisch. Es ist ein Kartell der Vertuscher, der Verschweiger und leider auch der Lügner.“ Und man fragte sich, ob es wirklich Liebe zum Sport war, die Seppelt Sportjournalist werden ließ. Falls ja, dann steckte er jetzt in einer Beziehungskrise. Aber lag das an ihm?

„Ich weiß, dass mir manche Kollegen nachsagen, von missionarischem Eifer getrieben zu sein“, sagt Seppelt. „Aber ich bin in dieser Hinsicht gelassener geworden.“ Der 48-Jährige lehnt sich im Restaurant des ARD-Hauptstadtstudios auf seinem Stuhl zurück, doch er sieht nicht lässig aus. Seppelt trägt ein bis zum Kragen zugeknöpftes, kariertes Hemd und löffelt eine Kartoffelsuppe. Vor den Fenstern versinkt Berlin in einer kalten Nacht, ein paar Jogger laufen an der Spree entlang.

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November 10th, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien, Politik

Käpt’n Fabio

Fabio Reinhardt wollte Journalist werden. Jetzt sitzt er als Pirat im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Geschichte einer überraschenden Karriere.

journalist, 11/2011

Die Revolution riecht nach abgestandener Luft und schmeckt nach Club Mate. Sieben Piraten beugen sich im Berliner Abgeordnetenhaus über ihre Laptops. Es ist Montagabend. Offene Vorstandsversammlung der Fraktion. Einer nippt an seiner Flasche, ein anderer nuschelt die Tagesordnung in den Raum. Jedes Wort und jedes Husten wird live ins Internet übertragen. “Wir wollen unsere Arbeit so transparent wie möglich machen”, sagt Fabio Reinhardt, 30 Jahre alt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Transparenz sei das Wichtigste in einer Demokratie.

Unter den Berliner Piraten wirkt Reinhardt am ehesten wie ein Politiker. Weiche Gesichtszüge, lila Hemd, dunkles Sakko. Er hat sich gründlich rasiert und formuliert Sätze wie: “Die Kombination aus jungen, motivierten Menschen, flachen Hierarchien und schneller, digitaler Kommunikation birgt ein enormes Potenzial, um Politik zu gestalten und miteinander gesellschaftliche Lösungen zu finden.” Ein Satz für alle. Man kann ihm schwer widersprechen.

Wer Reinhardt in der Sitzung besucht, lernt, dass Politik auch unter Piratenflagge ermüdend sein kann. Der Fraktionsvorstand diskutiert über Arbeitsgruppen, verlost die Sitzverteilung der Abgeordneten im Plenum und entscheidet, ob bei der konstituierenden Sitzung des Parlaments alle das gleiche T-Shirt tragen sollen. Reinhardt stimmt dagegen. “Ein Lehrerseminar aus Rheinland-Pfalz möchte sich mit uns treffen”, sagt er zu Tagesordnungspunkt 4: Berichte. Er erzählt im Vorstand von zwei Artikeln, die er geschrieben hat, und dass er am Wochenende nach Wien fliegt – zu den Österreicher Piraten.

Reinhardt hat schon den halben Tag in diesem Raum verbracht. Es gibt für die Fraktion noch keine Arbeitszimmer im Berliner Abgeordnetenhaus, weil die FDP, die bei der Wahl gnadenlos unterging, für ihren Auszug seltsam viel Zeit benötigt. Raum 109 ist für die Piraten derzeit Büro, Sitzungssaal, Sekretariat und Pausenzimmer in einem. Ein ständiges Kommen und Gehen. “Es fühlt sich an wie in einer WG”, sagt Reinhardt. Schwer zu sagen, ob er das gut oder schlecht findet.  Weiterlesen

Oktober 1st, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien

Wob, der Baumeister

Wolfgang Büchner hat die dpa umgekrempelt. Die einst verstaubte Nachrichtenagentur wurde unter seiner Leitung moderner und lernfähiger. Der Umbau geht weiter: Jetzt will Büchner die fremdsprachigen Dienste enger vernetzen.

journalist, 10/2011

Manchmal läuft Wolfgang Büchner durch sein Großraumbüro und weiß nicht, wen er siezen muss. Als er vor knapp zwei Jahren Chefredakteur der Deutschen Presseagentur (dpa) wurde, hat er allen Kollegen das Du angeboten. Nicht jeder nahm an. „Und bei über 460 Redakteuren habe ich etwas den Überblick verloren“, sagt Büchner. Doch am Ende zählt das Signal: Der Chef setzt auf eine Du-Kultur. Staatstragend war die dpa gestern.

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass Büchner mit seinen Kollegen in die Hauptstadt gezogen ist und die dpa-Redaktionen aus Hamburg, Frankfurt am Main und Berlin in einem Gebäude auf dem ehemaligen Berliner Mauerstreifen vereint hat. Das neue Großraumbüro misst stattliche 3.000 Quadratmeter, ein dicker Teppichbelag dämpft den Schall, durch die Fenster am fernen Ende des Raums schimmert das Fassadengelb des Axel-Springer-Hochhauses. „Wir sind Mieter bei Axel Springer, sitzen aber nicht im Springer-Gebäude“, sagt Büchner. Der Unterschied ist ihm wichtig. Der Tagesspiegel hat die Unabhängigkeit der dpa schon mal infrage gestellt.

Büchner hat die Agentur reformiert. Er baute sieben regionale Newsdesks auf, die nun die Landesbüros koordinieren. Er predigte seinen Mitarbeitern „richtig geht vor schnell“ und forderte eine neue Lust am Recherchieren und Erzählen. Statt jedes Thema abzudecken, verlangte er mehr Schwerpunkte. Und er führte eine neue Kultur des Umgangs mit Fehlern ein: Zugeben statt Vertuschen. Kurzum: Büchner hat aus der behäbigen Tante dpa eine flotte Schwiegermutter gemacht. Bis sie eine sexy Begleiterin im Journalistenalltag ist, muss er allerdings noch etwas arbeiten.

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September 22nd, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Geschichte, Medien

Im Schatten

Victor Klemperers Tagebücher sind weltberühmt. Doch keiner kennt den Mann, der sie einst dem Vergessen entriss.

DIE ZEIT, 22.09.2011

Uwe Nösner wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der Mann, der in den Tagebüchern von Victor Klemperer schon 1987 Literatur erkannte, schlurft im abgetragenen Jeansanzug durch den Sächsischen Landtag. Die Schultern des 51-Jährigen hängen tief. Sein Büro im zweiten Stock ist grau und eng. »Den Kaffee muss ich selber kochen«, nuschelt Nösner. Er bekommt selten Besuch hier, und noch seltener fragt ihn jemand nach Klemperer.

Dabei war Nösner der Erste, der weite Passagen der heute weltberühmten Tagebücher des Dresdner Romanistikprofessors mühsam entzifferte – was ihm allerdings weder Ruhm noch Geld einbrachte. Bekannt sind inzwischen die Bände aus dem Aufbau-Verlag: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten verkaufte sich 350.000 Mal und steht in fast jeder Schulbibliothek. Millionen Menschen sahen in der ARD Klemperer – Ein Leben in Deutschland . Aber nur wenige verbinden mit den Tagebüchern den breit sächselnden, etwas vergeistigt wirkenden Landtagsmitarbeiter Nösner, der in seiner Freizeit dichtet und hauptberuflich Reden und Grußworte des Landtagspräsidenten schreibt.

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Juli 2nd, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien, Wirtschaft

Grenzgänger

Jan Spielhagen ist dreifacher Chefredakteur. Er leitet die Kundenmagazine von Deutscher Bahn und Volkswagen. Zugleich verantwortet er Beef! – eine Kochzeitschrift für Männer. Spielhagen bewegt sich ständig zwischen Unternehmens-PR und Lebensgefühl-Journalismus. Wie sieht er das selbst?

journalist 07/2011

Für einen Moment denkt man, Jan Spielhagen wäre auch ein passabler Bahn-Sprecher geworden. „Wissen Sie, wie viele Passagiere die Deutsche Bahn im Vergleich zur Lufthansa befördert“, fragt er und lächelt höflich, als man total daneben tippt. „Jeden Tag fahren so viele Menschen Bahn wie in einem Jahr mit der Lufthansa fliegen“, sagt er. Da soll noch einer behaupten, der Schienenverkehr in Deutschland sei unbeliebt.

Spielhagen – 40 Jahre, blaues Hemd, dicke Armbanduhr – sitzt in seinem Büro bei Gruner + Jahr unweit des Hamburger Hafens. Im gleichen Haus haben auch die Henri-Nannen-Schule und das Netzwerk Recherche ihre Räume. Am Fenster steht neben der Espresso-Maschine ein Schild mit der Aufschrift „Zukunft bewegen. Das Leitbild des DB-Konzerns“. An der Wand hängt eine Liste mit Namen von Prominenten: Anna Engelke, Jogi Löw, Heike Makatsch. Ihre Gesichter sollen in den nächsten Monaten auf der Titelseite von mobil erscheinen – dem Kundenmagazin der Bahn. Jan Spielhagen ist dessen Chefredakteur.

Seit anderthalb Jahren leitet er das Heft, das Reisende im Fernzug unterhalten soll. Für die Macher ist es eine Gratwanderung. Einerseits muss mobil interessant sein, andererseits will sich die Bahn als Auftraggeber darin wiederfinden. Für jede Ausgabe muss sich Spielhagen zwei Mal das Okay aus der Konzernzentrale holen. Zuerst spricht er die Themen ab und abschließend lässt er sich die Druckfahnen genehmigen. „Im Vergleich zu Kaufzeitschriften gibt es einen mehr, der mitredet“, sagt der Chefredakteur. „Das macht das Arbeiten nicht schlechter, nur anders.“

Das klingt nach Schönreden von PR-Strategien. Andererseits könnten die meisten Texte aus mobil in jeder Illustrierten stehen. Prominenten-Porträts, Reisegeschichten, Buchvorstellungen – alles nett zu lesen und leicht verdaulich. Investigative Themen gibt es in dem Kundenmagazin nicht. „Wir bringen auch keine Artikel, in denen die Bahn ihre Fehler betont“, sagt Spielhagen. „Wir drucken aber Texte, in denen sie ihre Fehler erklärt – zum Beispiel wenn es wegen einer Gleisbaustrecke zu Verspätungen kommt.“

Er spricht wie ein Diplomat. Und man wundert sich darüber. Weggefährten haben Spielhagen ganz anders beschrieben: Burschikos, fröhlich und voller Leidenschaft. In einem Porträt über ihn aus dem Jahr 2009 steht, er neige zur Zuspitzung. Das stimmt auch noch. Allerdings muss man dafür das Thema wechseln, zum Beispiel zu Beef! – einem Kochmagazin „für Männer mit Geschmack“, wie es im Untertitel heißt. Auch dort ist Spielhagen Chefredakteur.

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Juli 1st, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien, Politik

Hoch gehandelt

Der Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Bernd Hilder, als MDR-Intendant. Ein Wunsch der sächsischen CDU.

DIE ZEIT, 30. 06.2011

Es ist wie bei der Papst-Wahl: Wer zuerst den Finger hebt, wird es sehr wahrscheinlich nicht. Und so ziert sich Bernd Hilder bei der Frage, ob er denn Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks werden wolle. »Ich bin Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, und das macht mir viel Freude«, sagt er am Telefon immer wieder – und klingt dabei wie sein eigener Anrufbeantworter.

Der 52-Jährige wird als möglicher Nachfolger von Udo Reiter hoch gehandelt. Vor allem ist er der Wunschkandidat der sächsischen CDU, zu der er gute Kontakte pflegt.

Hilder – geboren im niedersächsischen Bückeburg – war Chefredakteur in Stadthagen und Göttingen, bevor er vor acht Jahren zur Leipziger Volkszeitung (LVZ) kam. Er gilt als Alphatier, seit März 2010 ist er auch Sprecher des Deutschen Presserates. In dieser Funktion sagte er einmal über Journalisten: »Wir haben ein schlechteres Image als Berufskiller.« Sein eigenes Image lässt sich in einem Wort zusammenfassen: konservativ.

In den letzten Wochen hatte es den Anschein, der Chefredakteur hätte lieber einen Polizisten zum Oberbürgermeister als den sozialdemokratischen Amtsinhaber. Seitenfüllend geißelten in der LVZ Landespolizeipräsident Bernd Merbitz (CDU) und der städtische Polizeichef Horst Wawrzynski die Leipziger Drogenpolitik als »tickende Zeitbombe«. Raum zur Rechtfertigung für die Verantwortlichen gab es kaum.

Leipzigs Sozialdemokraten sehen einen möglichen Wechsel Hilders zum MDR mit gemischten Gefühlen. Einerseits gönnen sie ihm den Aufstieg nicht. Andererseits wären sie ihn als Zeitungschef gern los. Die Haltung der SPD könnte entscheidend sein. Ohne die Stimmen linker Politiker kann Hilder nicht Intendant werden, er braucht im Rundfunkrat eine Zweidrittelmehrheit. Und seine eigenen Reihen sind angeblich nicht geschlossen. Konservative aus Thüringen und Sachsen-Anhalt zögern noch: Muss es wirklich ein Mann aus Sachsen ein?

Schon als der Sender vergangenes Jahr einen trimedialen Chefredakteur suchte, hieß es, Hilder habe Interesse. Seine Unterstützer betonen, er kenne die ARD. Bevor er zur Zeitung kam, arbeitete er als Hörfunkkorrespondent in Washington und Mexiko. Ob ihn das befähigt, den MDR in die digitale Zukunft zu führen, ist allerdings fraglich. Damals, Anfang der neunziger Jahre, meinte man beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit »Neue Medien« noch den Videotext.

Als die LVZ vergangene Woche über mögliche Intendanten schrieb, nannte sie auch Bernd Hilder – allerdings nur im Internet. In der gedruckten Ausgabe hatte jemand seinen Namen gestrichen. Die Zurückhaltung muss der mögliche Kandidat noch einige Wochen durchhalten. Die Intendanten-Wahl ist voraussichtlich im September.

Juni 1st, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien

Über Kisch und Kitsch

Was für eine Demütigung! Spiegel-Autor René Pfister musste seinen Henri-Nannen-Preis zurückgeben. Der Jury gefiel nicht, dass Pfisters Porträt über Horst Seehofer mit einer Szene beginnt, die er selbst nicht erlebt hat. Reicht das aus, um den renommiertesten deutschen Reporterpreis wieder einzukassieren?

journalist 06/2011





Foto: Jan Zappner

Ein Streitgespräch zwischen FAS-Feuilletonchef Claudius Seidl und ZEIT-Dossier-Leiter Stefan Willeke über Reportage-Kriterien, Trivialliteratur und Egon Erwin Kisch steht auf journalist.de

Mai 12th, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien

Elefant im Zeitungsladen

Frank Haring hat aus der sächsischen Schülerzeitung “Spiesser” ein bundesweites Jugendmagazin gemacht. Inzwischen sieht selbst die “Bravo” in ihm einen ernsten Konkurrenten.

DIE ZEIT 12.05.2011

Da ist die Geschichte mit dem Kaffee-Automaten. Eine Mitarbeiterin hatte Münzen eingeworfen und ihr Wechselgeld vergessen. Als sie zurückkehrte, war das Fach leer. Verschwunden, die paar Cent. Frank Haring fackelte nicht lange. Er ließ die Videoüberwachungsbänder der Büroetage sichten, um den Dieb zu entlarven. Eine Stunde Bildmaterial. Selbst wenn es nur um Kleingeld geht, kämpft er mit der Verbissenheit eines Jungen, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Mit dieser Haltung hat er sein Unternehmen groß gemacht.

Frank Haring, Geschäftsführer und Mitinhaber der Jugendzeitschrift Spiesser in Dresden, ist als 34-Jähriger so etwas wie Deutschlands jüngster Pressepate. Angeblich fast 800.000 Mal liegt sein Spiesser bundesweit an Schulen aus. Ein Magazin, in dem Jugendliche für Jugendliche schreiben, angeleitet von Journalisten. Das Heft ist mittlerweile so bekannt, dass der Heinrich Bauer Verlag darin eine Konkurrenz zu seiner Jugendpostille Bravo sieht. Der Verlag zweifelt die Spiesser -Auflage vor Gericht an. »Das wird lustig werden«, sagt Haring und blättert in der einstweiligen Verfügung, die Bauer vor drei Wochen gegen ihn erwirkt hat. 250.000 Euro Ordnungsgeld werden ihm angedroht, falls er weiterhin mit seinen Auflagenzahlen wirbt. »Wir werden das ganz sicher nicht auf uns sitzen lassen«, sagt er.

Rein äußerlich würde Haring – schwarzes Shirt, braune Cordhosen – als Juso-Kreisvorsitzender durchgehen. Auch der Anblick seines Dienst-Toyotas vermittelt nicht den Eindruck von einem, der dick im Geschäft ist. Doch Haring verlegt nicht nur eine Jugendzeitung. Er hält Anteile an Dresden Fernsehen , verdient beim Elternmagazin Eltern, Kind + Kegel mit und ist an einem Jugendreisebüro beteiligt. Er engagiert sich bei einem Logistik-Dienstleister, einer Unternehmensberatung und beim »Schulkurier«, der den Spiesser zwischen Nordsee und Alpen verteilt. Kürzlich hat eine seiner Firmen fünf Millionen Euro in einen Solarpark investiert. Es war die Zeit vor Fukushima. Haring hatte mal wieder den Riecher für das richtige Timing.

Die meisten seiner Firmen haben dort ihren Sitz, wo auch der Spiesser zu Hause ist: im Dresdner Medienkulturhaus Pentacon. Es ist Harings Festung. Und sie wird angegriffen. Aus dem Hinterhalt, wie er meint. Schon im März habe der Bauer-Verlag versucht, bayerische Schulleiter einzuschüchtern, indem er anfragte, auf welcher rechtlichen Grundlage der Spiesser bei ihnen ausgelegt werde. Bauer ist ein Konzern mit zwei Milliarden Euro Umsatz und 8000 Mitarbeitern. Angesichts dieser Zahlen klingt es zunächst wie ein Witz, wenn es aus dem Unternehmen heißt: »Wir wollen, dass zwischen Bravo und Spiesser wieder Waffengleichheit herrscht.« Frank Haring meint: »Die wollen uns fertigmachen.«

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April 1st, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Medien

Weimerer Verhältnisse

Wolfram Weimer versteht sich als bürgerlicher Schöngeist. Er schätzt Goethe, den spanischen Stierkampf und vertritt konservative Werte. Nun soll er den Focus retten. Kann das gelingen?

journalist 04/2011

Goethe guckt grimmig, Nietzsche schaut schaurig und auch Immanuel Kant könnte mehr lächeln. Aber wie das so ist mit deutschen Intellektuellen: Man sah sie selten glücklich. Wolfram Weimer dagegen lächelt fast immer. Der Focus-Chefredakteur sitzt in seinem Münchner Büro, umringt von Geistesgrößen. Nietzsche und Kant stehen als Holzschnitte auf seinem Bücherregal. „Die Goethe-Büste war ein Geschenk meiner Frau“, sagt Weimer. Sie heiße Christiane, wie eine der Frauen Goethes, und stamme wie der Dichter aus Frankfurt am Main.

Während Weimer den Knoten seiner Krawatte richtet, fragt man sich, ob man beeindruckt sein muss. Ein schlanker Zwei-Meter-Mann im dunklen Nadelstreifenanzug. Helles Hemd, Manschettenknöpfe und gestickte Initialen am Ärmel. Wöllte Weimer einen Wettbewerb um den elegantesten Auftritt aller Chefredakteure gewinnen, er hätte Chancen. Aber er soll den Focus retten. Da sind die Aussichten schon schlechter.

Seit Juli leitet der 46-Jährige zusammen mit Uli Baur die Redaktion, die früher mit Titelgeschichten um Leser buhlte wie „Mehr essen, weniger wiegen“ oder „Nie wieder Brille!“ In den neunziger Jahren galt das Magazin mit seinen Nutzwert-Strecken und den bunten Infografiken als ernsthafte Konkurrenz zum Spiegel. Inzwischen verkaufen die Münchner jede Woche nur noch reichlich halb so viele Hefte wie die Konkurrenz. Etwa 550.000 waren es zuletzt. Unter Politikern und Journalisten in Berlin gilt der Focus als nicht besonders wichtig.

„Ich weiß, dass das hier eine Mammutaufgabe ist“, sagt Weimer. „Aber wir haben den Patienten bereits aus der Intensivstation geschoben.“ Die Einzelverkäufe im ersten Quartal lägen deutlich über denen des Vorjahres. Tatsächlich lief der Titel „Kohls Sohn bricht sein Schweigen“ gut. Die Nummer mit den „100 einflussreichsten Deutschen“ dagegen floppte. Am Besten verkaufte sich im ersten Quartal jene Januar-Ausgabe, in der die Bildungsthesen von Ursula Sarrazin vorgestellt wurden. Sie kostete nur einen Euro.

Wer solche Kampfpreise macht, denkt man ja, hat entweder zu viel Geld oder ist verzweifelt. „Wir wollten möglichst viele Menschen dazu bewegen, den Focus mal wieder in die Hand zu nehmen“, sagt Weimer. Das sei gelungen. Er lehnt in seinem grauen Sessel. Die Bücher im Regal hinter ihm sind nicht einfach hineingestellt sondern arrangiert. Es fallen die Biographien über Bismarck und Kleist ins Auge sowie ein dickes Sachbuch mit dem Titel „Die Epoche der Intellektuellen“.

Weimer gibt gern den Schöngeist, der darüber parlieren kann, warum er eher der Goethe- als der Schiller-Typ ist, eher zu Thomas Mann als zu Bertolt Brecht neigt und was ihm an Martin Walser gefällt. Passt so einer zum alten, etwas hausbackenen Focus? Seit seiner Ankunft in München kämpft Weimer in der Redaktion dafür, mehr Politik auf die Titelseiten zu bringen. Er hat einen Debatten-Teil eingeführt und setzte eine Kooperation mit dem britischen Economist durch. „Es geht mir um eine Akzentverschiebung“, sagt Weimer. „Wir formen aus einem Nutzwertmagazin ein Orientierungsmagazin.“

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März 1st, 2011 Von ralfgeissler Veröffentlicht in Justiz, Medien

Was ist Wahrheit?

Hat Jörg Kachelmann seine Ex-Freundin vergewaltigt? Das Mannheimer Landgericht setzt immer neue Verhandlungstage an. Die vier prominentesten Journalistinnen beim Prozess haben ihr Urteil schon gefällt.

journalist 03/2011

Man kann nur schätzen, wie oft Gisela Friedrichsen in den vergangenen Monaten schon durch die Sicherheitsschleuse am Landgericht Mannheim gelaufen ist. Fünfzig mal? Vermutlich war es noch öfter. Doch die Wachleute tasten die 65-jährige Spiegel-Gerichtsreporterin auch heute wieder penibel nach Waffen ab. Friedrichsen blickt indigniert ins Leere. Hier muss jeder durch. Vor Gericht sind alle gleich.

Es ist Februar und Jörg Kachelmann hätte zum Wetter wohl gesagt, dass die Aussichten trübe sind. Ob das auch für seine Zukunft gilt, soll der heutige Verhandlungstag zeigen. Der Rechtsmediziner Rainer Mattern wird über die Verletzungen von Kachelmanns Ex-Geliebter referieren. Hat der Moderator sie vergewaltigt? Oder hat sie sich ihre Wunden selbst zugefügt?

Die ersten drei Reihen in Saal 1 sind für Journalisten reserviert. Der Raum wirkt kühl, die grauen Plastikschalensitze könnten aus einem Fußballstadion stammen. Außer Friedrichsen sitzen hier die stellvertretende Bunte-Chefredakteurin Tanja May und Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert. Auch für Alice Schwarzer, die für die Bild-Zeitung schreibt, ist ein Platz reserviert. Er bleibt heute leer, wie so oft. Schwarzer betreibt Prozessberichterstattung offenbar per Ferndiagnose.

Die vier Frauen sind die prominentesten Journalistinnen im Saal und werden auch von Kollegen nach ihrer Einschätzung gefragt. Natürlich sagt keine laut, dass sie sich über Kachelmann bereits ein Urteil gebildet hat. Schuldig oder unschuldig? Die Entscheidung liegt beim Gericht. Das sehen Friedrichsen und Rückert so. Das sagen auch Schwarzer und May. Trotzdem hat jede längst für sich abgewogen. Die einen prangern ihn an, die anderen bedauern ihn fast.

„Ich kenne keinen Angeklagten, der so einen Prozess unbeschadet überstanden hat – auch dann nicht, wenn er freigesprochen wurde“, sagt Spiegel-Reporterin Friedrichsen. „Ich fühle mich wie in einer Doku-Soap und ahne, dass zuletzt jemand verurteilt werden könnte, obwohl es nicht genug Beweise gibt“, kritisiert Zeit-Journalistin Rückert.

Beide bemängeln die Methoden der 5. Großen Strafkammer und hätten gegen einen Freispruch wohl keine Einwände. Rückert fragt sich, warum das Gericht weitere Ex-Geliebte Kachelmanns als Zeuginnen hören will. „Zur fraglichen Nacht können sie nichts beitragen“, sagt die Zeit-Reporterin und lehnt sich in ihrem Zuschauersitz zurück. Ihre Kritik verpackt sie in Ironie: „Das kann dauern, bis wir mit dem ganzen Harem durch sind.“ Längst wisse das Publikum über Kachelmann mehr als von den eigenen Geschwistern.

Der durchleuchtete und interpretierte Moderator sitzt im schwarzen Anzug auf der Anklagebank und schweigt. Manchmal tippt Kachelmann etwas auf seinem Tablet-Computer, in die Zuschauerreihen blickt er kaum. Man fragt sich, was in seinem Kopf vorgeht, als der Rechtsmediziner Rainer Mattern beschreibt, wie er an seiner eigenen Ehefrau versucht habe, eine Vergewaltigung nachzuvollziehen. Der Gutachter beschmierte seine Knie mit blauer Farbe, dann drückte er die Schenkel seiner Gattin auseinander. Die zurückgebliebenen Farbspuren ähnelten optisch den Hämatomen des mutmaßlichen Opfers. Mattern beauftragte zudem eine Mitarbeiterin, sich selbst zu verletzen. Sie sollte ein Messer so fest an ihren Hals drücken, bis sie es nicht mehr aushält.

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