Elefant im Zeitungsladen

Frank Haring hat aus der sächsischen Schülerzeitung „Spiesser“ ein bundesweites Jugendmagazin gemacht. Inzwischen sieht selbst die „Bravo“ in ihm einen ernsten Konkurrenten.

DIE ZEIT 12.05.2011

Da ist die Geschichte mit dem Kaffee-Automaten. Eine Mitarbeiterin hatte Münzen eingeworfen und ihr Wechselgeld vergessen. Als sie zurückkehrte, war das Fach leer. Verschwunden, die paar Cent. Frank Haring fackelte nicht lange. Er ließ die Videoüberwachungsbänder der Büroetage sichten, um den Dieb zu entlarven. Eine Stunde Bildmaterial. Selbst wenn es nur um Kleingeld geht, kämpft er mit der Verbissenheit eines Jungen, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Mit dieser Haltung hat er sein Unternehmen groß gemacht.

Frank Haring, Geschäftsführer und Mitinhaber der Jugendzeitschrift Spiesser in Dresden, ist als 34-Jähriger so etwas wie Deutschlands jüngster Pressepate. Angeblich fast 800.000 Mal liegt sein Spiesser bundesweit an Schulen aus. Ein Magazin, in dem Jugendliche für Jugendliche schreiben, angeleitet von Journalisten. Das Heft ist mittlerweile so bekannt, dass der Heinrich Bauer Verlag darin eine Konkurrenz zu seiner Jugendpostille Bravo sieht. Der Verlag zweifelt die Spiesser -Auflage vor Gericht an. »Das wird lustig werden«, sagt Haring und blättert in der einstweiligen Verfügung, die Bauer vor drei Wochen gegen ihn erwirkt hat. 250.000 Euro Ordnungsgeld werden ihm angedroht, falls er weiterhin mit seinen Auflagenzahlen wirbt. »Wir werden das ganz sicher nicht auf uns sitzen lassen«, sagt er.

Rein äußerlich würde Haring – schwarzes Shirt, braune Cordhosen – als Juso-Kreisvorsitzender durchgehen. Auch der Anblick seines Dienst-Toyotas vermittelt nicht den Eindruck von einem, der dick im Geschäft ist. Doch Haring verlegt nicht nur eine Jugendzeitung. Er hält Anteile an Dresden Fernsehen , verdient beim Elternmagazin Eltern, Kind + Kegel mit und ist an einem Jugendreisebüro beteiligt. Er engagiert sich bei einem Logistik-Dienstleister, einer Unternehmensberatung und beim »Schulkurier«, der den Spiesser zwischen Nordsee und Alpen verteilt. Kürzlich hat eine seiner Firmen fünf Millionen Euro in einen Solarpark investiert. Es war die Zeit vor Fukushima. Haring hatte mal wieder den Riecher für das richtige Timing.

Die meisten seiner Firmen haben dort ihren Sitz, wo auch der Spiesser zu Hause ist: im Dresdner Medienkulturhaus Pentacon. Es ist Harings Festung. Und sie wird angegriffen. Aus dem Hinterhalt, wie er meint. Schon im März habe der Bauer-Verlag versucht, bayerische Schulleiter einzuschüchtern, indem er anfragte, auf welcher rechtlichen Grundlage der Spiesser bei ihnen ausgelegt werde. Bauer ist ein Konzern mit zwei Milliarden Euro Umsatz und 8000 Mitarbeitern. Angesichts dieser Zahlen klingt es zunächst wie ein Witz, wenn es aus dem Unternehmen heißt: »Wir wollen, dass zwischen Bravo und Spiesser wieder Waffengleichheit herrscht.« Frank Haring meint: »Die wollen uns fertigmachen.«

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12. Mai 2011 von ralfgeissler
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Sodanns Bücher

Mitten in der sächsischen Provinz errichtet der Schauspieler Peter Sodann eine Nationalbibliothek der DDR. Die Bewohner des Dorfes Staucha sind skeptisch.

DIE ZEIT 14.04.2011

Vielleicht hilft ihm ja Goethes Ballade vom Prometheus. Peter Sodann sitzt bei einem Kaffee im Gemeindehaus im sächsischen Staucha und rezitiert die dritte Strophe: »Da ich ein Kind war, nicht wusste wo Aus noch Ein, kehrt ich mein verirrtes Aug’ zur Sonne.« Die Worte fließen mit sächsischer Gemächlichkeit durch den Raum. Sodann hält einen Spendenaufruf in der Hand, der mit dem Vers beginnt und den er verteilen will. »Bei Goethe kann man ja alles lesen, was man will«, sagt Sodann und schmunzelt. Vielleicht macht Prometheus spendabel.

Der Schauspieler braucht das Geld für seine Bücher. Seit Jahren rettet er DDR-Literatur vorm Papiermüll. Es fing damit an, dass Ost-Gewerkschaften nach 1990 komplette Bibliotheken entsorgten, was ihn betrübte. »Ich habe mir gedacht, da wirft man ja dein Leben weg«, sagt Sodann. »Und wenn man Bücher wegwirft, weiß man ja, was daraus werden kann.« Er forderte öffentlich auf, ihm zu schicken, was zwischen Kriegsende und Mauerfall im Osten erschienen ist. Fortan kamen fast täglich Pakete. Die Leute sandten ihm Marx und Hegel, Schiller und Schinkel, Seghers und Kant. Doch dann erging es Sodann wie Goethes Zauberlehrling: Er wusste nicht mehr, wohin mit den vielen Geistern. Der Bücherberg wuchs auf fast eine halbe Million Exemplare.

Jetzt hat Sodann einen Meister gefunden, der ihm helfen kann. Einen Bürgermeister. Peter Geißler (parteilos) stieß im Internet auf einen Hilferuf von Sodann und bot ihm in Staucha Räume für eine Bibliothek an. »Man darf nicht immer nur ans Finanzielle denken«, sagt Geißler. Man schaffe etwas für die Nachwelt. Ein Bücherdorf soll entstehen, ein Archiv der DDR-Verlagsgeschichte. Das Dorf zwischen Riesa und Meißen könnte nach der Nationalbibliothek in Leipzig zum zweitgrößten Zentrum für Literatur werden. Davon träumen die zwei Männer.

Geißler betritt eine Halle, die auf den ersten Blick an einen Klostersaal erinnert. Gewölbte Decke, toskanische Säulen, gefliester Boden. »Das war mal ein Kuhstall«, sagt der Bürgermeister. »Jetzt machen wir hier regelmäßig Märkte.« Seit einem halben Jahr lässt Geißler die Getreideböden über den einstigen Stallungen zur Bücherei umbauen. Kosten: 300.000 Euro. Davon zahlt die Gemeinde fast die Hälfte selbst, der Rest kommt aus Fördermitteln. Am nächsten Wochenende, wenn Staucha zur jährlichen Gewerbemesse einlädt, bei der Händler und Handwerker der Region ausstellen, soll das erste Buch feierlich ins Regal gestellt werden. Eine Premiere. In der mehr als 750-jährigen Geschichte des Dorfes gab es noch nie eine Bibliothek.

Staucha ist ein Nest mit 800 Einwohnern. Die Häuser schmiegen sich rund um einen Hügel inmitten der Lommatzscher Pflege. Dank guter Böden haben die Bauern hier immer reichlich verdient. Das erklärt die toskanischen Säulen im Stall und die weithin sichtbare neugotische Kirche im Zentrum. Bald könnte das Dorf mit Literatur protzen. Doch die Bewohner sind skeptisch.

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14. April 2011 von ralfgeissler
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Weimerer Verhältnisse

Wolfram Weimer versteht sich als bürgerlicher Schöngeist. Er schätzt Goethe, den spanischen Stierkampf und vertritt konservative Werte. Nun soll er den Focus retten. Kann das gelingen?

journalist 04/2011

Goethe guckt grimmig, Nietzsche schaut schaurig und auch Immanuel Kant könnte mehr lächeln. Aber wie das so ist mit deutschen Intellektuellen: Man sah sie selten glücklich. Wolfram Weimer dagegen lächelt fast immer. Der Focus-Chefredakteur sitzt in seinem Münchner Büro, umringt von Geistesgrößen. Nietzsche und Kant stehen als Holzschnitte auf seinem Bücherregal. „Die Goethe-Büste war ein Geschenk meiner Frau“, sagt Weimer. Sie heiße Christiane, wie eine der Frauen Goethes, und stamme wie der Dichter aus Frankfurt am Main.

Während Weimer den Knoten seiner Krawatte richtet, fragt man sich, ob man beeindruckt sein muss. Ein schlanker Zwei-Meter-Mann im dunklen Nadelstreifenanzug. Helles Hemd, Manschettenknöpfe und gestickte Initialen am Ärmel. Wöllte Weimer einen Wettbewerb um den elegantesten Auftritt aller Chefredakteure gewinnen, er hätte Chancen. Aber er soll den Focus retten. Da sind die Aussichten schon schlechter.

Seit Juli leitet der 46-Jährige zusammen mit Uli Baur die Redaktion, die früher mit Titelgeschichten um Leser buhlte wie „Mehr essen, weniger wiegen“ oder „Nie wieder Brille!“ In den neunziger Jahren galt das Magazin mit seinen Nutzwert-Strecken und den bunten Infografiken als ernsthafte Konkurrenz zum Spiegel. Inzwischen verkaufen die Münchner jede Woche nur noch reichlich halb so viele Hefte wie die Konkurrenz. Etwa 550.000 waren es zuletzt. Unter Politikern und Journalisten in Berlin gilt der Focus als nicht besonders wichtig.

„Ich weiß, dass das hier eine Mammutaufgabe ist“, sagt Weimer. „Aber wir haben den Patienten bereits aus der Intensivstation geschoben.“ Die Einzelverkäufe im ersten Quartal lägen deutlich über denen des Vorjahres. Tatsächlich lief der Titel „Kohls Sohn bricht sein Schweigen“ gut. Die Nummer mit den „100 einflussreichsten Deutschen“ dagegen floppte. Am Besten verkaufte sich im ersten Quartal jene Januar-Ausgabe, in der die Bildungsthesen von Ursula Sarrazin vorgestellt wurden. Sie kostete nur einen Euro.

Wer solche Kampfpreise macht, denkt man ja, hat entweder zu viel Geld oder ist verzweifelt. „Wir wollten möglichst viele Menschen dazu bewegen, den Focus mal wieder in die Hand zu nehmen“, sagt Weimer. Das sei gelungen. Er lehnt in seinem grauen Sessel. Die Bücher im Regal hinter ihm sind nicht einfach hineingestellt sondern arrangiert. Es fallen die Biographien über Bismarck und Kleist ins Auge sowie ein dickes Sachbuch mit dem Titel „Die Epoche der Intellektuellen“.

Weimer gibt gern den Schöngeist, der darüber parlieren kann, warum er eher der Goethe- als der Schiller-Typ ist, eher zu Thomas Mann als zu Bertolt Brecht neigt und was ihm an Martin Walser gefällt. Passt so einer zum alten, etwas hausbackenen Focus? Seit seiner Ankunft in München kämpft Weimer in der Redaktion dafür, mehr Politik auf die Titelseiten zu bringen. Er hat einen Debatten-Teil eingeführt und setzte eine Kooperation mit dem britischen Economist durch. „Es geht mir um eine Akzentverschiebung“, sagt Weimer. „Wir formen aus einem Nutzwertmagazin ein Orientierungsmagazin.“

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01. April 2011 von ralfgeissler
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Unter Strom

Sachsen will zum Musterland für Elektroautos werden. Private Tüftler und Großkonzerne bereiten eine technische Revolution vor.

DIE ZEIT 03.03.2011

Matthias Bähr war schneller als Opel, wendiger als Volkswagen und flinker als Toyota. Die Frage ist nur, ob er seinen Vorsprung halten kann. »Das hier ist unser Prototyp«, sagt Bähr in seiner Werkstatt im Dresdner Norden. Er zeigt auf einen gelben Kleinwagen. Die Beschriftung weist das Auto als Chevrolet Matiz aus. Doch im Inneren steckt ein Elektroantrieb – konstruiert von Bähr. »Mit einer Akkuladung kommen Sie 120 Kilometer weit«, sagt er. »Auf Asphalt ist der Wagen flüsterleise.« Nur beim Beschleunigen klinge der Motor ein bisschen nach Straßenbahn.

Bähr ist ein Pionier. Zwar hatte Werner Siemens schon 1882 den elektrisch betriebenen Kutschenwagen präsentiert, doch das Fahren mit Strom setzte sich nie durch. 2005 erklärten selbst jene Autohersteller den Markt für tot, die noch Elektroautos bauten. Angeblich fanden sich keine Käufer. Bähr aber sah die Chancen. Seit einigen Jahren betreibt der 53-Jährige eine Firma für Gebäudereinigung, in der es auf niedrige Betriebskosten ankommt. »Ein Elektroauto fährt billiger als ein Benziner«, sagt Bähr. »Ich habe damals für weniger als 10.000 Euro den kleinen Chevrolet gekauft und drei Jahre an der Umrüstung getüftelt.«

Heute beschäftigt der gelernte Flugzeugmechaniker drei Angestellte, die routiniert in den Chevrolets Benzinmotoren durch Elektroantriebe ersetzen. Mehr als 20 Fahrzeuge ließ Bähr schon umbauen und verkaufte sie unter dem Namen CitySax. Stückpreis: 39.000 Euro. »Unser zwanzigster Wagen wird auf Sylt an Urlauber vermietet«, sagt er. Vermutlich war Bähr der Erste in Deutschland, der mit Elektroautos für den Straßenverkehr Geld verdiente. Doch sein Vorsprung schrumpft. Besonders viel Konkurrenz erwächst ihm in Sachsen.

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03. März 2011 von ralfgeissler
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Was ist Wahrheit?

Hat Jörg Kachelmann seine Ex-Freundin vergewaltigt? Das Mannheimer Landgericht setzt immer neue Verhandlungstage an. Die vier prominentesten Journalistinnen beim Prozess haben ihr Urteil schon gefällt.

journalist 03/2011

Man kann nur schätzen, wie oft Gisela Friedrichsen in den vergangenen Monaten schon durch die Sicherheitsschleuse am Landgericht Mannheim gelaufen ist. Fünfzig mal? Vermutlich war es noch öfter. Doch die Wachleute tasten die 65-jährige Spiegel-Gerichtsreporterin auch heute wieder penibel nach Waffen ab. Friedrichsen blickt indigniert ins Leere. Hier muss jeder durch. Vor Gericht sind alle gleich.

Es ist Februar und Jörg Kachelmann hätte zum Wetter wohl gesagt, dass die Aussichten trübe sind. Ob das auch für seine Zukunft gilt, soll der heutige Verhandlungstag zeigen. Der Rechtsmediziner Rainer Mattern wird über die Verletzungen von Kachelmanns Ex-Geliebter referieren. Hat der Moderator sie vergewaltigt? Oder hat sie sich ihre Wunden selbst zugefügt?

Die ersten drei Reihen in Saal 1 sind für Journalisten reserviert. Der Raum wirkt kühl, die grauen Plastikschalensitze könnten aus einem Fußballstadion stammen. Außer Friedrichsen sitzen hier die stellvertretende Bunte-Chefredakteurin Tanja May und Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert. Auch für Alice Schwarzer, die für die Bild-Zeitung schreibt, ist ein Platz reserviert. Er bleibt heute leer, wie so oft. Schwarzer betreibt Prozessberichterstattung offenbar per Ferndiagnose.

Die vier Frauen sind die prominentesten Journalistinnen im Saal und werden auch von Kollegen nach ihrer Einschätzung gefragt. Natürlich sagt keine laut, dass sie sich über Kachelmann bereits ein Urteil gebildet hat. Schuldig oder unschuldig? Die Entscheidung liegt beim Gericht. Das sehen Friedrichsen und Rückert so. Das sagen auch Schwarzer und May. Trotzdem hat jede längst für sich abgewogen. Die einen prangern ihn an, die anderen bedauern ihn fast.

„Ich kenne keinen Angeklagten, der so einen Prozess unbeschadet überstanden hat – auch dann nicht, wenn er freigesprochen wurde“, sagt Spiegel-Reporterin Friedrichsen. „Ich fühle mich wie in einer Doku-Soap und ahne, dass zuletzt jemand verurteilt werden könnte, obwohl es nicht genug Beweise gibt“, kritisiert Zeit-Journalistin Rückert.

Beide bemängeln die Methoden der 5. Großen Strafkammer und hätten gegen einen Freispruch wohl keine Einwände. Rückert fragt sich, warum das Gericht weitere Ex-Geliebte Kachelmanns als Zeuginnen hören will. „Zur fraglichen Nacht können sie nichts beitragen“, sagt die Zeit-Reporterin und lehnt sich in ihrem Zuschauersitz zurück. Ihre Kritik verpackt sie in Ironie: „Das kann dauern, bis wir mit dem ganzen Harem durch sind.“ Längst wisse das Publikum über Kachelmann mehr als von den eigenen Geschwistern.

Der durchleuchtete und interpretierte Moderator sitzt im schwarzen Anzug auf der Anklagebank und schweigt. Manchmal tippt Kachelmann etwas auf seinem Tablet-Computer, in die Zuschauerreihen blickt er kaum. Man fragt sich, was in seinem Kopf vorgeht, als der Rechtsmediziner Rainer Mattern beschreibt, wie er an seiner eigenen Ehefrau versucht habe, eine Vergewaltigung nachzuvollziehen. Der Gutachter beschmierte seine Knie mit blauer Farbe, dann drückte er die Schenkel seiner Gattin auseinander. Die zurückgebliebenen Farbspuren ähnelten optisch den Hämatomen des mutmaßlichen Opfers. Mattern beauftragte zudem eine Mitarbeiterin, sich selbst zu verletzen. Sie sollte ein Messer so fest an ihren Hals drücken, bis sie es nicht mehr aushält.

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01. März 2011 von ralfgeissler
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Der Journalismus siecht

An der Universität Leipzig droht das Ende der ältesten deutschen Redakteursausbildung. Das Institut will künftig lieber PR-Profis hervorbringen.

DIE ZEIT 20.01.2011

Ein Professorentitel schützt nicht vor verbalen Ausrutschern. Nicht einmal dort, wo der Umgang mit Sprache gelehrt wird. »Pflaumenheinis« nennt der Medienpädagogikprofessor die etwa 50 Studenten, die sich an einem Januarmorgen in einem Besprechungsraum der Universität Leipzig drängeln. Es tagt der Institutsrat der Kommunikations- und Medienwissenschaftler. Die Stimmung ist gereizt. Die Studenten – allesamt angehende Journalisten – bestürmen das Gremium mit Fragen. Was wird aus unserem Studiengang? Hat er eine Zukunft?

Bevor sie Antworten erhalten, fällt der Strom aus, was einige als schlechtes Zeichen deuten. Und tatsächlich beschließt der Institutsrat einstimmig bei zwei Enthaltungen das Ende der traditionsreichen Leipziger Journalistenausbildung in ihrer bisherigen Form. Eine der zwei regulären Professuren soll abgeschafft und die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter von sechs auf einen reduziert werden. Dafür soll es lediglich eine neue Juniorprofessur geben. »Wenn das so umgesetzt wird«, sagt Journalistikprofessor Marcel Machill, »dann trocknet der Studiengang aus.«

Die Abstimmung ist ein Etappensieg der zwei PR-Professoren, die ihren Fachbereich Kommunikationsmanagement nennen. Das klingt unverfänglicher. Der eine, Günther Bentele, ist derzeit Dekan. Der andere, Ansgar Zerfaß, Institutsdirektor. Gemeinsam haben sie den Umbau der Kommunikations- und Medienwissenschaften vorangetrieben und würden von ihm profitieren. Für ihre eigene Abteilung schlagen sie eine zusätzliche Professur für Gesundheits- und Umweltkommunikation vor. Statt Journalisten würden in Leipzig dann zum Beispiel Pressesprecher für Pharmafirmen ausgebildet.

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20. Januar 2011 von ralfgeissler
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Erinnern – aber richtig

Ein Denkmal für Helmut Kohl in Dresden, ein weiteres für die 89er-Bewegung in Leipzig – wer braucht das? Warum eine Debatte über die Erinnerungskultur guttut.

DIE ZEIT 06.01.2011

Der Kabarettist freut sich schon. Manfred Breschke läuft im Schneegestöber zu einer Baugrube unweit des Dresdner Hauptbahnhofs. »Hier stand ja früher das Lenin-Denkmal«, sagt Breschke. Das sei auch eine nette Vorlage gewesen. Aber Kohl in Bronze vor der Frauenkirche? Humoristisch schwer zu toppen! »Wohnt nicht der Biedenkopf neben der Kirche«, fragt Breschke, »Kohls alter Parteifeind?« Dann stünde der Rivale bald direkt vor seinem Fenster. »Nicht dass wir noch Heiner Geißler als Schlichter holen müssen.«

Ende Januar wird der Dresdner Stadtrat entscheiden, ob vor der Frauenkirche künftig an den Altkanzler erinnert wird. »Wir wollen Kohls Besuch am 19. Dezember 1989 würdigen«, sagt Sebastian Kieslich von der CDU. Vor den Trümmern am Neumarkt habe Kohl den unvergessenen Satz gesprochen: »Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit der Nation.« Kieslich hat den darauf einsetzenden Jubel noch in den Ohren und nun das Denkmal beantragt. »Die Form ist noch offen«, betont er. Doch das Kabarett spottet schon über die Wirtschaftswunder-Hand, die man bald, in Bronze gegossen, küssen könne. »Peinlich« nennt die Bürgerrechtlerin und Grünen-Stadträtin Ulrike Hinz den Antrag. »Wir haben 1989 den aufrechten Gang gelernt. Und jetzt sollen wir uns vor Kohl verbeugen?«

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06. Januar 2011 von ralfgeissler
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Schwiegermutters Traum

Nach mehr als 20 Jahren gibt Günther Jauch die Moderation von Stern TV ab. Sein Nachfolger ist Steffen Hallaschka. Mit ihm verliert die ARD eines ihrer größten Talente, das bislang vor allem im Verborgenen glänzte.

journalist 01/2011

Steffen Hallaschka steht auf einer nassen Wiese in Hamburg und fragt sich, wie alt er ist. Der Moderator soll sich den Zuschauern von RTL vorstellen. Aber will der Sender die Aufzeichnung nun vor oder nach seinem 39. Geburtstag zeigen? „Machen wir zwei Varianten“, rät der Pressesprecher. „Immer dieser Borderline-Journalismus“, entgegnet Hallaschka, blickt in die Kamera und sagt: „Hallo, mein Name ist Barbara Eligmann. Ich bin 47 Jahre alt.“ Dann presst er die Lippen zusammen und unterdrückt ein Grinsen.

Hallaschka – ein fast zwei Meter großer Schlacks mit markanten Ohren – wird vielleicht nie die Tagesthemen präsentieren, aber als Nachfolger von Günther Jauch eignet er sich wie kein Zweiter. Er ist ein smarter Schelm. Kein Model-Gesicht, aber fernsehtauglich. Am 12. Januar übernimmt Hallaschka die Moderation von Stern TV, die Jauch nach mehr als 20 Jahren abgibt. Die Sendung hat drei Millionen Zuschauer – ein großes Erbe. „Wenn ich nicht gefragt worden wäre, hätte ich von selber meine Hand gehoben“, sagt Hallaschka lässig. „Stern TV ist mein Traumformat.“

Für seine neue Aufgabe muss er sich thematisch kaum umstellen. Seit viereinhalb Jahren moderiert Hallaschka das Verbrauchermagazin Markt im NDR. In einer seiner letzten Sendungen informierte er über Abzocke beim Städteverlag und ging der Frage nach, ob der Euro ein Preistreiber sei. Er kündigte einen Test ungewöhnlicher Küchengeräte an und moderierte die Rubrik „Markt mischt sich ein“ mit den Worten ab: „Wenn zwei sich streiten, freut sich das Dritte.“ Hallaschka kann ironisch sein, ohne abzuheben, jungenhaft, ohne unseriös zu wirken, schlagfertig, ohne zu verletzen.

Eine typische Pose von Günther Jauch? „Das würde ja heißen, dass Jauch ein Poser wäre“, erwidert Hallaschka und faltet als Antwort eine Moderationskarte exakt in der Mitte. Und der typische Hallaschka? „Früher haben Zuschauer angerufen und gefragt: Warum rudert der immer so mit den Armen?“ Dann nimmt er ein zweites Kärtchen und rollt es zusammen. „Ich mache das mit den Karten anders.“ Jauch, der Falter. Hallaschka, der Roller. Auch eine Möglichkeit, Unterschiede zu beschreiben, wo es auf den ersten Blick kaum welche gibt. Ein Schwiegermutter-Traum löst den anderen ab.

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01. Januar 2011 von ralfgeissler
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Lotters Leben

Der wichtigste Mann bei Brand Eins ist ein Freiberufler. Wolf Lotter schreibt für das Wirtschaftsmagazin die Aufmacher, spottet über Berufsbeamte und lobt die Kreativen. Er war selbst mal fest angestellt, hat es als „Sitzredakteur“ aber nicht ausgehalten.

journalist 12/2010

Vielleicht ist er endlich angekommen. Nach sechs Umzügen in nur drei Jahren. Nach einer Odyssee durch die Metropolen Hamburg, München, Berlin und ihre Vororte nun also Eimke. Ein Provinznest in der Lüneburger Heide, 379 Einwohner und eine Kirche. „Gestern haben wir einen Hund gekauft“, sagt Wolf Lotter. „Einen Sheltie.“ Ein Hund macht sesshaft.

Der vielleicht scharfzüngigste Wirtschaftsessayist Deutschlands steht am Hamburger Hafen, während er über sein neues Zuhause spricht. Vor ihm schwappt die Elbe an den Kai, Schiffe legen ab. „Ich brauche die Stadt nicht mehr“, brummt Lotter. „Ständig dieser Lärm.“ Die große Freiheit könne auch ein Bauernhaus mit Ententeich sein. „Großstädter reden ja gern von ihren Kneipen und Theatern. Aber die meisten Abende sitzen sie vorm Fernseher.“

Lotter hat in Eimke keinen Fernsehempfang, dafür pralle Bücherregale, um mal etwas nachzuschlagen. Der gebürtige Österreicher schreibt stets über die großen Themen. Seine Artikel handeln von Freiheit, Veränderung und Selbstbestimmung, von Kreativität und Lebenslügen. Nur von Rastlosigkeit handeln sie nie. Dabei wäre das mal ein gutes Thema für den Mann, dem seine Freunde nachsagen, den deutschen Umzugsrekord zu halten.

Am Vormittag ist Lotter in sein Auto gestiegen – eine knappe Stunde bis Hamburg – um beim Wirtschaftsmagazin Brand Eins vorbei zu schauen, das er vor elf Jahren mit gegründet hat. Er war bei der Zeitschrift mal fest angestellt, hat das aber nicht lange ausgehalten. „Wenn Sie beim Schreiben immer auf den Büroflur schauen und an die nächste Konferenz denken, ist das der Tod einer guten Geschichte“, sagt Lotter. Er sei einfach kein Sitzredakteur. Zudem fand er sich ohne Festanstellung glaubwürdiger, weil er oft über die Vorzüge der Selbständigkeit schreibt.

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01. Dezember 2010 von ralfgeissler
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Der Getriebene

Yaqub Ibrahimi schrieb über Korruption, sexuellen Missbrauch, Waffen- und Drogenschmuggel in Nord-Afghanistan – dort, wo die Bundeswehr stationiert ist. Er hat sich mächtige Feinde gemacht und lebt derzeit im Exil. Im Oktober erhielt er den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien.

journalist 11/2010

Er will zurück in das Land, in dem sein Bruder beinahe hingerichtet wurde. Wo Vergewaltigungen ungesühnt bleiben, aber auf Gotteslästerung die Todesstrafe steht. „Ich kann nicht ewig in einem ausländischen Versteck wohnen“, sagt Yaqub Ibrahimi, 29 Jahre alt, reich an Idealen und an Feinden. „Ich muss recherchieren. Zu Hause, in Afghanistan.“

Er sitzt im lila Strickpulli auf einem Ledersessel im sogenannten Herrenzimmer der Villa Ida in Leipzig. Hier, auf dem Mediencampus, hat er am Vorabend einen Journalistenpreis erhalten. Eine barocke Standuhr tickt, eine junge Frau fragt, ob er sein Mineralwasser mit viel, wenig oder ohne Sprudel wünsche. Als sie serviert, knarzt das Parkett. Für Ibrahimi ist ein Herrenzimmer ein ungewöhnlicher Ort für ein Interview. „Wo ich recherchiert habe, war immer Staub und Lärm“, sagt er und lächelt schüchtern.

Wer den vielleicht mutigsten Journalisten Afghanistans im Exil trifft, staunt über zwei Dinge: seine Zurückhaltung und seinen Optimismus. Ibrahimi hätte gute Gründe, an der Zukunft seines Landes zu zweifeln. Er schrieb dutzende Artikel über die Warlord-Strukturen, die sich unter der Bundeswehrpräsenz ausbreiten. Er recherchierte zu Waffenhandel, Drogenschmuggel und Menschenrechtsverletzungen. Vor drei Jahren erhielt er erste Morddrohungen. Vor einem Jahr musste Ibrahimi Afghanistan deswegen verlassen.

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01. November 2010 von ralfgeissler
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