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Portraits |
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Ralf Geißler |
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Andreas HerzauHe, himself and HerzauAndreas Herzau gilt als Meister der Reportage-Fotografie. In einer Welt voller Bilder sucht der Hamburger Fotojournalist Motive, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Die Weißen nennen die Gegend „White man’s grave“. Es grassieren die übelsten Malaria-Arten, die Hitze ist tagsüber unerträglich, und in der Regenzeit verwandeln sich die Straßen in reißende Flüsse. Andreas Herzau ist trotzdem hierher geflogen – nach Koidu-Town, ins Bürgerkriegsland Sierra Leone. Auf der Suche nach Diamantschürfern. Der Hamburger Fotograf steht mit seiner Kamera in gleißender Sonne vor einem fünfzig Meter breiten Loch. Wie ein riesiger Bombenkrater liegt es vor ihm. Aus der Tiefe pumpen Rohre ein Gemisch aus Wasser und Sand nach oben. Rundherum hocken 25 Männer und Jungs – manche sind vielleicht gerade 13 Jahre alt – und durchsieben für ein paar Dollar den Schlamm nach Edelsteinen. Unter den Diamant-Suchern ist auch ein Jugendlicher in einem löchrigem T-Shirt. Ein feuchtes Tuch schützt seinen Kopf vor der Hitze. Eine dünne Schicht Matsch bedeckt seine Unterarme. Der junge Mann guckt direkt in Herzaus Kamera. Ein freundlicher und zugleich skeptischer Blick. Herzau drückt auf den Auslöser, und das Bild wird zu einem der ersten Fotos des Hamburger Journalisten, das es in einen Bildband schafft. „Flucht“ heißt der Band – ein Buch über das Elend der Vertriebenen. Mehr als zehn Jahre ist Herzaus erste Reise nach Sierra Leone jetzt her. „Die Entwurzelung von Menschen und die Probleme, die sich daraus ergeben, das hat mich schon immer sehr beschäftigt“, sagt der Fotograf heute. Er steht in seiner Altbau-Wohnung im Hamburger Schanzenviertel. Zweihundert Quadratmeter. Stuck an der Decke. Abgeschliffene Dielen. Durch den langen Flur sind schon Prominente wie Iris Berben, Barbara Schöneberger und Wilhelm Wieben gegangen. Herzau hat sie in seinem Wohnzimmer für das Magazin der Süddeutschen Zeitung fotografiert. Ein richtiges Studio leistet sich der 45-Jährige nicht. Die meisten seiner Bilder entstehen ohnehin auf Reisen. Herzau lichtete New York ab und die Proteste gegen den G8-Gipfel in Rostock. Kürzlich fotografierte er für den Spiegel die Bremer Musical Company bei einem Truppenbesuch in Afghanistan. Vor drei Jahren raste er in einem Taxi von Calcutta nach Bombay. 2400 Kilometer in acht Tagen. Während Indien an ihm vorbeiflog, fotografierte Herzau eine Art Roadmovie und hielt den Rhythmus der indischen Nationalstraße 6 in Schwarz-Weiß fest. Doch eigentlich ist Herzau kein Freund großer Geschwindigkeiten. Das Mitglied der Fotoagentur laif wirkt nicht wie der Prototyp des gehetzten Pressefotografen. Mit seinem Seitenscheitel, dem grauen Hemd und der silbrig eingefassten Brille sieht er auf den ersten Blick ein bisschen aus wie eine Mischung aus Woody Allen und Herbert Feuerstein, nur jünger. Seine Motive findet Herzau beim Schlendern. „Wenn ich in einer fremden Stadt bin, stehe ich morgens auf und laufe durch die Straßen. Viele Strecken gehe ich auch doppelt. Stundenlang bis in die Nacht.“ Dann sucht Herzau Bilder, die so noch niemand gezeigt hat. Detailaufnahmen. Besondere Ausschnitte. Motive, bei denen er die Hauptfiguren verschwimmen lässt und den Hintergrund scharf stellt. Herzau gilt als Meister der gebrochenen Fotoreportage. Man muss sich die Geschichten hinter seinen mitunter abstrakten und stark reduzierten Aufnahmen oft selbst erschließen. „Ich bin vor einigen Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass die klassische Foto-Reportage nicht mehr funktioniert“, sagt Herzau. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer am Ende des Flurs und raucht eine Zigarette. Aus den Computer-Lautsprechern dudelt ein kalifornisches Internetradio. Durch die Fenster dringt der Pausenlärm der benachbarten Gesamtschule. „Die heutige Welt ist in ihren Bildern weitgehend bekannt. Da will ich gegen klassische Sehgewohnheiten anfotografieren, die vorhandenen Bild-Schablonen und Klischees aufbrechen. Meine Fotos müssen dem Betrachter sagen: Sieh mich an. Lies mich!“ Zur Fotografie kam Herzau spät. Er wurde 1962 in Mainz geboren und wuchs in einem Vorort von Tübingen auf. Schon mit 17 Jahren zog er aus dem gutbürgerlichen Elternhaus aus, brach das Gymnasium ab und begann eine Lehre als Bleisetzer. In der Cantz’schen Druckerei in Stuttgart gründete er einen Betriebsrat und wurde Jugendsekretär der Gewerkschaft Druck und Papier in Baden-Württemberg. Dann zog ihn das Bundesamt für Zivildienst ein – nachdem er bis in die dritte Instanz gegen die Wehrpflicht geklagt hatte. „Die Geschichte der RAF, alternative Gesellschaftsmodelle, außerparlamentarische Öffentlichkeit – das hat mich damals sehr interessiert“, sagt Herzau. „Ich habe mich für Dinge engagiert, von denen ich glaubte, dass sie die Welt gerechter machen. Und die Gewerkschaft schien mir ein guter Platz dafür. Als dann aber die wilden Druckerstreiks begannen und die Funktionäre Angst bekamen, dass ihnen das alles aus dem Ruder läuft, hatte ich die Schnauze voll. Ich hatte den Eindruck, dass die Gewerkschaftsgremien ihre Kritik an der Gesellschaft nicht zu Ende dachten.“ Damals waren Herzau die Funktionäre nicht radikal genug. Inzwischen ist der Rebell gesetzter geworden. Er hat sogar Wahlkampf-Fotos für Hamburgs CDU-Bürgermeister Ole von Beust gemacht und fotografiert für die Internetseiten der Netbank. „Für mich ist Werbefotografie ein Muss, um mit großer Freiheit meine anderen Projekte finanzieren zu können.“ Projekte wie sein Buch „Me, myself an I“ – ein Bildband, in dem er die Selbstinszenierung Jugendlicher dokumentierte. Die Aufnahmen zeigen Menschen, die ihren Körper als Marke inszenieren – auf der Love Parade, auf einer Nazi-Demo, beim Christopher Street Day. Ironischerweise lässt sich bei den um Individualität bemühten Abgebildeten oft nicht ausmachen, ob es sich nun um Neonazis, Techno-Freaks oder Homosexuelle handelt. In ihrer Inszenierung greifen alle auf ähnliche Mittel zurück und sind sich so doch wieder gleich. Zu welcher Fraktion gehört wohl der androgyne junge Mann mit Schiebermütze und Lederjacke, neben dem die muskelbepackten Glatzköpfe stehen? Wessen Rücken ist das, auf dem „No hope No fear“ eintätowiert ist? Herzau verstört den Betrachter durch die Zusammenstellung scheinbar widersprüchlicher Motive und durch große Detailaufnahmen. Er nähert sich den Dingen, buchstäblich. „Ich benutze fast nie ein Teleobjektiv“, sagt er. „Fotografie ist für mich eine Riesenchance, meiner Neugierde nachzugehen, Dinge in ihrer Widersprüchlichkeit zu erfahren. Mir gefällt, dass man als Fotograf viel dichter rangehen muss, als ein schreibender Journalist. Du kriegst diesen einen Moment für Dein Bild nur einmal. Als Autor kannst Du hinterher immer noch anrufen und nachfragen: Wie war das genau?“ Trotz seiner Neigung, sich mitten ins Gewühl zu stürzen, fällt Herzau mit seiner kleinen Contax-Kamera kaum auf. In den meisten Situationen geht er als Tourist durch. Bestenfalls auf Demonstrationen von Links- oder Rechtsextremen kann man den Fotografen sofort erkennen. Herzau rückt dann mit einem grauen Schutzhelm an. „Wenn ich durch die Linse gucke, sehe ich doch die Pflastersteine nicht fliegen.“ Nach seinem Zivildienst absolvierte Herzau ein Volontariat bei der linksradikalen Zeitschrift Konkret und schrieb mehrere Jahre für die Hamburger Rundschau, die taz, den Freitag und den Schweizer Tagesanzeiger. Zur Fotografie kam er durch einen Unfall. Während der Räumung eines besetzten Hauses stürzte Herzau in zerbrochenes Glas und verletzte sich seine rechte Hand. Im Krankenhaus war unklar, ob er sie jemals würde wieder benutzen können. Seine Freundin schenkte ihm deshalb eine Ein-Hand-Kamera, mit der er in seinem Krankenzimmer experimentierte. Nach der Genesung hat Herzau fast nur noch fotografiert und schon fünf Jahre später seinen ersten Euro Press Photo Award erhalten für „Die Vertreibung aus dem Paradies“ – eine Fotoreportage aus dem neu erbauten Hamburger Abschiebegefängnis. „Das Schwierigste war, dort überhaupt eine Genehmigung zum Fotografieren zu bekommen. Das hat viel Zeit gekostet“, erinnert er sich heute. Viel Zeit investierte er auch in sein jüngstes Buch. „deutsch land“ heißt es. Einige Exemplare davon hat er bei sich im Arbeitszimmer im Regal stehen. Das Cover zeigt eine Pusteblume. Sie wächst vor einem gelb leuchtenden Rapsfeld. Dahinter zeichnet sich unter leicht bewölktem Himmel ein grüner Mischwald ab. Die Pusteblume ist ein bisschen unscharf. Herzau hat den Focus auf den Hintergrund gelegt. So kann man die Blume eigentlich gar nicht richtig erkennen. Man weiß nur, dass sie sich bei jedem Windzug verändert. „Ich glaube“, sagt Herzau und blickt für ein paar Sekunden auf das Cover. „Ich glaube, die deutsche Identität, die man früher leicht visualisieren konnte, die gibt es heute gar nicht mehr. Das Land hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren so rasant gewandelt, dass man anhand von Bildern gar nicht mehr sagen kann: Das ist eindeutig in Deutschland. Viele Bilder von hier könnten genauso gut in Polen, in Frankreich oder woanders entstanden sein.“ Trotzdem hat sich Herzau auf den Weg gemacht, um sich den Deutschen anzunähern. Für den Bildband fuhr er zwei Jahre mit der Bahn quer durch die Republik und lichtete ihre Bewohner ab. Dass in dem Deutschland-Buch auch Kanzlerin Merkel auftaucht, ist purer Zufall. Herzau ging morgens zum Hamburger Hauptbahnhof und entschied jeweils spontan, wohin die Reise gehen soll. Das Verstörendste an dem Bildband ist, dass aus den Aufnahmen nicht hervorgeht, wo sie entstanden sind. Es gibt keine Bildtexte. Wer durch die Seiten blättert, erfährt nicht, ob die Klofrau, die sich den bunten Blumentopf vors Gesicht hält, in Hamburg oder Leipzig auf Kunden gewartet hat, ob die abgebildete NPD-Demonstration in Rostock oder Dortmund war. „Ich wollte einfach nicht, dass Leute die Fotos ansehen und sagen: War doch klar, sieht ja auch wie im Osten aus“, sagt Herzau. Unter dem Fenster seines Arbeitszimmers steht ein Tapeziertisch. Dutzende kleine Abzüge hat Herzau darauf ausgebreitet. Fotos von drei Reisen nach Istanbul. Das wird sein nächstes großes Buchprojekt. Seit Tagen macht sich Herzau Gedanken über die Zusammenstellung der Bilder. „Jedes Bild muss sich in das Gesamtwerk einfügen“, erklärt Herzau. „Eine deskriptive Erzählweise halte ich für einen Fehler. Ich finde das Narrative besser. Es geht darum, den Betrachter durch die Schnitttechnik zum Hinsehen zu verführen. Ich baue auch Stolpersteine ein. Wenn jemand das Buch von vorne nach hinten durchgeblättert hat, muss bei ihm etwas in Gänze im Kopf hängen bleiben.“ In diesen Minuten klingt er wie ein Dozent. Tatsächlich lehrt Herzau an Fachhochschulen und bei Stiftungen gelegentlich Fotografie. Er kann ohne Abitur und als Autodidakt vermutlich mehr über Bilder erzählen, als so mancher Professor. Eines fällt ihm aber schwer: Sich selbst fotografieren zu lassen. Mit gestellten Bildern von sich hat Herzau Schwierigkeiten. „Ich würde mich selbst wie einen Verbrecher fotografieren. Vor einer weißen Wand mit Blick in die Linse und einer Kamera um den Hals.“ Er lächelt leicht. Ein solches Bild wäre schon wieder so übertrieben inszeniert, dass er Gefallen daran fände. So ein Foto wie bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung. „Doch“, sagt Herzau, „das wäre mein Portraitfoto.“ journalist vom Februar 2008 |
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