Der Entwickler

Timm Klotzek erfindet Zeitschriften. Mit Neon fing er das teils zweiflende, teils trotzig lustvolle Lebensgefühl der Generation zwischen Schulabschluss und Karriereleiter ein. Sein neuestes Produkt ist das Familienmagazin Nido. Mit etwas Glück erscheint es trotz Medienkrise ab Oktober monatlich.

journalist 08/2009

In dreißig Jahren erfindet Timm Klotzek bestimmt ein Seniorenmagazin. So ein Heft für das Lebensgefühl der unruhigen Alten. Klotzek hat nämlich immer genau die Zeitschriften entwickelt, die perfekt zu seinem eigenen Lebensabschnitt passen.

Mit 25 wurde Klotzek Chefredakteur der Jugendbeilage Jetzt der Süddeutschen Zeitung. Mit 29 entwickelte er Neon. Untertitel: „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Als sich mit Anfang Dreißig die ersten überflüssigen Dinge in seinem Haushalt ansammelten, erfand Klotzek das unabhängige Ebay-Magazin – voller Geschichten rund ums Versteigern. Inzwischen ist Klotzek 36 Jahre alt und dreifacher Vater. Seine neueste Entwicklung heißt Nido und richtet sich an Familien mit kleinen Kindern.

„Es stimmt schon: Ich mache die Hefte auch für mich“, sagt Klotzek und zögert kurz. „Erst als ich eine eigene Familie hatte, fiel mir auf, dass es gar keine Zeitschrift gibt, die mein Lebensgefühl abbildet. So kam ich auf Nido. Aber natürlich reicht das nicht. Wenn Du ein Magazin entwickelst, musst Du immer einen professionellen Blick dazu schalten und Dich fragen: Gibt es dafür auch wirklich einen Markt? Und ich glaube, das kann ich ganz gut.“

Wir stehen in Klotzeks Büro in der Neon-Redaktion in München. An der Wand hängen ein gerahmtes Portrait des Fußballers Zinédine Zedane und ein Poster von der Formel-1-Rennstrecke in Bahrain. Auf dem schwarzen Mülleimer klebt ein Zettel mit dem Aufdruck „Super Ideen“. Klotzek blickt schweigend auf seinen Terminplaner. Er denkt über etwas nach.

„Es ist mir unendlich peinlich“, sagt er schließlich. „Aber ich habe in meinem Kalender etwas durcheinander gebracht. In dreißig Minuten habe ich eine Verabredung zum Mittagessen in der Innenstadt mit einem Anzeigenkunden. Das kann ich unmöglich absagen und ich muss sofort los. Was machen wir jetzt?“

Wir steigen – keine Viertelstunde nach der Begrüßung – gemeinsam in ein Taxi und fahren durch München. Statt im Büro spricht Klotzek auf der Rückbank über seine jüngste Magazin-Entwicklung. „Nido ist ein Familien-Heft, das nicht die Kinder sondern die Eltern in den Mittelpunkt rückt. Es soll ein Lebensgefühl vermitteln. Eltern ansprechen, die sich für mehr interessieren als nur Wickeltipps.“

Die erste und bislang einzige Ausgabe erschien im Frühsommer. Die Titelthemen der Testnummer: Ich will wieder arbeiten. Guter Sex trotz kleiner Kinder. Außerdem eine Reportage, wie es ist, mit dem Nachwuchs eine Weltreise zu machen.

Vor allem in einem Punkt ähnelt Nido Klotzeks früherer Entwicklung – der Zeitschrift Neon – sehr: Es ist ein Heft für Menschen, die in ihrer derzeitigen Lebensphase nicht so richtig angekommen zu sein scheinen. Motto: Eigentlich sollten wir fürsorgliche Eltern werden. Aber muss man deswegen spießig sein, auf Spaß, Sex und Selbstverwirklichung verzichten?

„Den klassischen Nido-Leser plagen keine existentiellen Sorgen. Seine Kinder sind gesund und er hat genügend Geld“, sagt Klotzek, als das Taxi ins Münchner Zentrum einbiegt. Er wirkt jetzt entspannt, lehnt sich zurück in die Polster. Klotzek trägt ein weißes Hemd, Hosen mit Nadelstreifen. Er spricht langsam und sehr konzentriert.

Vereinzelt habe es Kritik an Nido gegeben. Zu elitär. Nichts für alleinstehende Mütter oder Familien mit Hartz IV. „Das stimmt schon“, sagt Klotzek. „Aber für solche Leute ist die Zeitschrift auch nicht gemacht. Man kann einem Grill-Magazin ja auch nicht vorwerfen, dass so wenig für Vegetarier drin steht.“

Das klingt versnobt. Klotzek kann den schnöseligen Eindruck aber mildern, als er auf die Häuserzeile blickt und sagt: „Wir sind jetzt im unsympathischsten Teil Münchens. Der neureich-vergoldeten Maximiliamstraße.“ Das Taxi hält, Klotzek kramt in seinem Portemonnaie und stellt fest, dass er gar kein Geld dabei hat. Wieder denkt er einige Sekunden nach. „Kann ich auch mit EC-Karte zahlen“, fragt er den Fahrer. Kann er nicht. Klotzek lässt sich die zwölf Euro erst einmal auslegen.

Die Situation ist insofern absurd, weil sie dem widerspricht, was Kollegen über Timm Klotzek sagen. Sie beschreiben ihn als sehr gut organisiert.

Geboren wurde Timm Klotzek am 16. April 1973 als Sohn eines Wirtschaftsprüfers und einer Sportlehrerin für behinderte Kinder in Frankfurt am Main. Schon früh spielt er mit großer Leidenschaft Hockey. Zuerst bei Frankfurt 1880, später beim Münchner SC. „Timm war ein zuverlässiger Abwehrspieler, der ohne groß aufzufallen und mit wenig Schnörkel gespielt hat“, erinnert sich sein Teamkollege Klaus Holzmüller. Gemeinsam steigen sie mit dem Münchner SC 1997 in die Bundesliga auf.

Als Holzmülller eine Zeitung zur Geburt seines Sohnes basteln will, steht Klotzek ihm mit Rat zur Seite. Ansonsten halten sich die Begegnungen außerhalb des Spielfeldes in Grenzen, erzählt der Sportfreund. „Timm war immer sehr busy und blieb nach dem Training nie lange.“

Kein Wunder, zog es Klotzek nach dem Abitur doch vor allem wegen des Journalismus nach München. Im zweiten Anlauf erhält er einen Studienplatz an der Deutschen Journalistenschule. Außerdem beansprucht das Jetzt-Magazin seine Zeit. Die Jugendbeilage der Süddeutschen Zeitung bietet ihm eine Pauschalisten-Stelle an. Klotzek vertieft sich so sehr in die Arbeit, dass er das Hockey-Spielen schließlich aufgibt. Nach dem Relaunch von Jetzt steigt er 1998 zu einem von drei Chefredakteuren auf.

Der älteste in diesem Dreier-Team ist Rudolf Spindler. Er erinnert sich noch gut an den jungen Klotzek mit seiner feinen Ironie. „Wir haben in einem Büro eng und gut zusammengearbeitet“, sagt Spindler. „Timm war immer enorm konzentriert und präzise. Er wollte mit allen Abteilungen auf Augenhöhe reden. Redaktion, Anzeigen, Marketing. Timm hat das jetzt -Magazin ganzheitlich betrachtet. Ein Abwehr-Spieler, der das Gesamtfeld überblickt. Nicht nur beim Hockey. Auch in unserer Redaktion.“

Nach einigen Monaten verlässt Spindler das Führungsteam in Richtung SZ-Magazin. Klotzek rutscht in die Rolle des alleinigen Chefredakteurs. Er verantwortet mit Ende Zwanzig ein Heft, das jeden Montag fast eine halbe Million Haushalte erreicht. Zu groß, sagt Klotzek, war ihm die Aufgabe aber nie.

Es muss im Sommer 2000 gewesen sein. Nach Redaktionsschluss. Die Kollegen saßen bereits im Biergarten. Doch Timm Klotzek ließ dieses Titelfoto nicht los. Das Bild aus Israel. Ein Mietshaus mit großem Fenster, aus dem ein Bettlaken hing. Darauf ein Schriftzug auf Hebräisch.

Niemand hatte während der gesamten Produktion des Jetzt-Magazins gefragt, was da wohl steht. „Das Heft war so gut wie in der Druckerei, da habe ich mir noch ein Herz gefasst und bin zu dem großen Josef Joffe gelaufen, dem Leiter des Auslandsressorts der Süddeutschen Zeitung“, erinnert sich Klotzek.

Joffe kann Hebräisch. Die Übersetzung erweist sich als banal. „Irgendwas mit: Zimmer zu vermieten. Aber ich musste wissen, was auf dem Laken steht. Wenn am nächsten Morgen der SZ-Chefredakteur an meinem Schreibtisch gestanden hätte. Außer sich vor Wut. Mit dem israelischen Botschafter im Schlepptau. Da hätte ich ja schlecht sagen können: Sorry, meine Herren. Blöder Fehler. Aber ich bin doch noch so jung.“

Klotzek setzt als Chefredakteur den typischen jungen, feuilletonistischen Jetzt-Journalismus fort mit der wöchentlichen Liste „Warum es sich diese Woche zu leben lohnt“ und Themen à la „Welche Eigenschaften haben Ziffern?“ Steht die 6 wirklich für Sex oder wirkt sie mit ihrem runden Bauch nicht total bräsig, alt und unsexy?

Diese Geschichte – so ein ehemaliger Kollege – war die erste, die Klotzek dem Jetzt-Magazin angeboten hatte. Er selbst kann sich daran nicht erinnern. „Wirklich nicht. Das ist auch keine Koketterie und hoffentlich auch kein Alzheimer“, sagt Klotzek. „Aber passen würde das Thema zu dem Heft sehr gut.“

Er steht jetzt neben dem Brunnen am Münchner Kosttor. Das Wasser plätschert aus vier steinernen Wolfsmäulern. Nach achtzig Minuten ist er vom Mittagessen mit dem Anzeigenkunden zurück. „Ich habe mich wirklich beeilt“, versichert er. „Nur Vorspeise und Hauptgang. Kein Nachtisch.“ In der Hand hält Klotzek eine Papiertüte voller Prospekte. „Das ergibt jetzt ein völlig falsches Bild“, murmelt er. „Eigentlich treffe ich mich eher selten mit Anzeigenkunden.“

Dass er solche Termine überhaupt wahrnimmt, hat viel mit dem Aus des Jetzt-Magazins zu tun. 2001 stellt der Süddeutsche Verlag seine Jugendbeilage ein. Zu teuer. „Das war der Moment, bei dem ich das Gefühl hatte: Das soll mir nie wieder passieren. Dass ich einer Redaktion sagen muss: Wir sind alle entlassen.“

Die folgenden Tage demonstrieren vor dem Haupthaus der Süddeutschen Zeitung hunderte Jugendliche für die Rettung von Jetzt. Gestandene SZ-Redakteure müssen über wütende Schüler steigen. Klotzek selbst demonstriert nicht. Er findet sich mit der Entscheidung ab. „Das Heft war tot. Da gab es auch kein zurück mehr. Und es war für mich emotional total schwierig, an den Demonstranten vorbei zu laufen, die immer riefen: Jetzt darf nicht sterben. Das ist ganz blöd, wenn man um etwas trauert und die Anderen rufen: Wir müssen es wieder beleben.“

Besonders lange währt die Trauer nicht. Stern-Chefredakteur Andreas Petzold ist von der öffentlichen Unterstützung beeindruckt und meldet sich bei Klotzek. Er bittet ihn, gemeinsam mit Michael Ebert und Mirko Bosche ein monatliches Jugendmagazin zu entwickeln. Im Keller der Münchner Außenstelle des Verlags Gruner+Jahr ersinnen die jungen Journalisten ein Konzept, dessen Kerngedanke in dem berühmt gewordenen Satz „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ mündet. Lebensgefühl-Journalismus für eine Generation zwischen Schulabschluss, erstem Job, mit Zukunftsängsten und gelegentlichen Zweifeln, ob der jetzige Partner wirklich fürs ganze Leben taugt. Titel: Neon.

„Neon soll so etwas wie ein guter Freund sein“, sagt Klotzek. „Authentisch.“ Wir sind zurück in seinem Büro im Münchner Osten – einem schmucklosen Neubau zwischen Lidl-Markt und einem Textil-Discounter. Manche Journalisten haben geschrieben, das Gebäude passe gut zu Neon. Weder hipp noch aufgeregt. Bodenständig. Ohne falsche Eitelkeiten.

Andere Kollegen haben gefragt, wie lange das wohl funktionieren kann – ein Heft, das so stark auf eine Generation fokussiert ist. Fünf Jahre oder zehn? Klotzek schüttelt den Kopf. Er hält das Konzept dauerhaft für überlebensfähig. „Das Grundgefühl: Ich bin einer junger Mensch, dem vieles offen steht und ich suche noch nach dem richtigen Weg – das wird es immer geben. Die Kunst besteht darin, dieses Grundgefühl immer mit aktuellen und relevanten Themen zu füllen.“

Klotzek lehnt im Bürostuhl, hält seine linke Hand an die Schläfe, wägt jedes Wort genau ab. Seit der ersten Ausgabe teilt er sich die Chefredaktion mit dem etwas jüngeren Michael Ebert. Die Auflage ist langsam aber stetig gewachsen. Fast eine Viertel Million Hefte werden monatlich verkauft. Es gab Auszeichnungen und Lob von nahezu allen Seiten.

Einer der wenigen Kritiker ist Johannes Finke, Chefredakteur des kleinen Berliner Lifestyle-Magazins Blank. „Neon als ‚Generationsorgan‘ hat keine Visionen und übernimmt für die Lesergeneration auch keine Verantwortung“, frotzelt Finke. „Es geht nicht um das ‚Gemeinsame‘, sondern um die individuelle und persönliche Lebensführung innerhalb gesetzter, fremd normierter Pseudogrenzen.“

Ihn ärgern die seichten Titelgeschichten wie „Vom Sommer lernen“ oder „Magst Du Deine Geschwister“. Finke plant für August eine Blank-Sonderausgabe zur Generation Neon und ihren Vordenkern Klotzek und Ebert, denen er Visionslosigkeit vorwirft. „Die Neon ist kein moralisches Magazin. Das ist ihr großer kommerzieller Vorteil und gleichzeitig die gesellschaftliche Gefahr.“

Klotzek sieht das ganz anders und winkt ab. „Neon ist ein Spiegel seiner Zeit. Die großen politischen Visionen, die gibt es doch gar nicht mehr.“

Wir diskutieren in seinem Büro, ob es nicht trotzdem so etwas wie ein großes gesellschaftliches Ziel geben könne. Gerechtigkeit! Klotzek schüttelt mit dem Kopf. „Was soll das denn sein? Wenn man eine Weltgerechtigkeit will, dann würde es vielen deutschen Industriearbeitern an den Kragen gehen. Wo hört Gerechtigkeit auf? An unserer Grenze? In Europa? Haben wir ein Interesse, die Inder hochkommen zu lassen? Ich finde die Frage zu einfach. Oder das Thema viel zu kompliziert. Und in Neon gibt es keine einfachen Antworten. Ich glaube sogar, dass Neon mehr Fragen stellt, als es Antworten liefert.“

Dann versucht er, mit verstellter Stimme Oskar Lafontaine nachzuahmen: „Die Reichen müssen bluten. Alles muss besser werden. Auch das Wetter. Wählen Sie die Linkspartei.“ Er wirkt zum ersten Mal angriffslustig, ein bisschen ironisch und nicht so überlegt wie sonst.

„Verstehen Sie das nicht falsch“, resümiert Klotzek nach 15 Minuten Diskussion. „Natürlich ist Neon auch gesellschaftspolitisch. Wir drucken gerade eine Geschichte über den Klimawandel und die Malediven, die untergehen werden, wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Solche Reportagen sind mir deutlich lieber, als selbstgerechte Leitartikel, mit denen man dokumentiert, was für ein wahnsinnig politischer Mensch man doch ist. So etwas wie die Malediven-Geschichte machen wir oft. Aber wir können und wollen keine zu simplen Antworten liefern auf die großen Fragen.“

Seiner Neon-Zielgruppe ist Klotzek inzwischen knapp entwachsen. Ans Aufhören denkt er nicht, wohl wissend, dass er das Heft nicht ewig leiten kann. „Ich habe keine Vorstellung nach dem Motto: In fünf Jahren stehe ich dort oder dort.“ Wahrscheinlich leitet er in fünf Jahren das Familienmagazin Nido. Die erste Ausgabe seiner jüngsten Entwicklung hat sich besser verkauft als erwartet. Rund 70.000 Mal. „Am 15. Oktober kommt die zweite Ausgabe und ich hoffe, dass der Verlag bald schon grünes Licht für eine monatliche Erscheinungsweise gibt“, sagt Klotzek.

Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Und dann würde es wirklich stimmen: Timm Klotzek macht seit der Journalistenschule immer die Zeitschriften, die zu seinem eigenen Lebensabschnitt passen. Und auch das Seniorenmagazin würde ein bisschen wahrscheinlicher. Das Lebensgefühl-Heft für die unruhigen Alten. Einen Untertitel hätten wir auch schon: „Eigentlich sollten wir unsere Rente genießen.“

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01. August 2009 von ralfgeissler
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