Manege frei

Horst Köhlers Rücktritt, Margot Käßmanns Alkoholfahrt und Thilo Sarrazins Thesen. Immer schneller erklären Journalisten ein Ereignis zum Skandal. Auf der Jagd nach dem nächsten Hype bleiben die wirklichen Aufreger am Ende folgenlos.

journalist 11/2010

Vielleicht sollte Thilo Sarrazin einfach mal Eva Herman anrufen. Die ehemalige Tagesschau-Sprecherin kennt sich aus mit schrägen Thesen und ihren Folgen. 2007 hatte sie ein Buch über Familienpolitik geschrieben, wochenlang die Schlagzeilen dominiert und sich von Politikern, Kollegen und Vorgesetzten beschimpfen lassen. Heute interessiert sich niemand mehr für Eva Herman. Jeder Hype endet einmal.

Aber vielleicht freut sich Sarrazin auch noch zu sehr, dass ihm ein Bestseller geglückt ist. Von seinem Buch Deutschland schafft sich ab sind mittlerweile 1,1 Millionen Exemplare gedruckt worden. Noch nie hat es hierzulande wegen ein paar unbelegter Behauptungen auf 465 Seiten Papier so viel Aufregung gegeben. 600 Journalisten drängten in die Bundespressekonferenz, als die Bertelsmann-Tochter DVA das Werk Ende August vorstellte. Evelyn Roll von der Süddeutschen Zeitung begann ihren Artikel über die Veranstaltung mit der naheliegenden Frage: „Ist ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen?“

In gewisser Weise sind viele Journalisten Sarrazin auf den Leim gegangen. Obwohl sie wussten, dass kaum einer in Deutschland die Kunst des Marketings durch Tabubruch so gut beherrscht wie er, analysierten, hinterfragten und deuteten sie seine Thesen bis ins Detail. Dabei hatte der SPD-Politiker schon früher mit Begriffen wie „Kopftuchmädchen“ und der Behauptung, ein Hartz-IV-Empfänger könne sich für 3,76 Euro am Tag „völlig gesund, wertstoffreich und vollständig ernähren“, gezielt Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ohne dass man seine Aussagen besonders ernst nehmen musste. Seinen Erfolg verdankt Sarrazin der medialen Skandalisierung seiner Person, die er mit gezielten Provokationen selbst herbeigeführt hat.

Seine Behauptung, bildungsferne Schichten würden ihre mangelnde Intelligenz vererben, musste auf Widerspruch stoßen und so sein Buch bekannter machen. Am Ende aber hat auch der Provokateur die Wucht der Empörungswelle unterschätzt. Es hörte einfach nicht mehr auf. Die Debatte um Thilo Sarrazin zeigt, dass mediale Hypes noch größer, schneller und aufgeregter verlaufen können, als es Medienprofis für möglich halten.

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01. November 2010 von ralfgeissler
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Der Sonnenkönig

Steile Thesen statt tiefer Analysen. Seit Ostern leitet Gabor Steingart das Handelsblatt. Mal preist der einstige Spiegel-Mann griechische Staatsanleihen, mal stellt er Wirtschaftskonflikte als Comic dar. Ob das der Auflage hilft?

journalist 10/2010

In Gabor Steingarts Fantasie trug die Finanzkrise ein zotteliges Fell und hatte gelbe Zähne. In New York zertrampelte sie die Infrastruktur und riss Banken ein. „Sie war wie King Kong“, sagt Steingart und beugt sich über einen Stapel Fotos aus der Verfilmung von Peter Jackson. „Hier kommt die Finanzkrise nach Deutschland“, sagt er und zeigt auf einen grimmigen Riesengorilla. Vor dem Ungeheuer steht ein weiß gekleidetes Mädchen. Steingart nickt lächelnd. „Jane. Sie symbolisiert Angela Merkel.“

Man fragt sich kurz, ob der Chefredakteur des Handelsblatts wohl Drogen genommen hat. Es ist der Tag, bevor sich die Pleite der Investment-Bank Lehman Brothers zum zweiten Mal jährt. Am Morgen hatte Steingart die Idee, das Ereignis mit dem Monster-Affen zu bebildern. Ein sechsseitiger Schwerpunkt soll es werden. Steingart zieht das nächste Motiv aus dem Stapel. King Kong klettert an der Fassade eines Wolkenkratzers hoch. Angeschossen, er fällt fast. „Hier beginnen die Konjunkturprogramme zu wirken“, sinniert Steingart.

Seit Ostern leitet der 48-Jährige die Handelsblatt-Redaktion und fällt dort vor allem durch steile Thesen auf. So hatte Steingart in der Griechenlandkrise zum Kauf griechischer Staatsanleihen aufgerufen. Aus Solidarität. Wenig später druckte er einen Essay unter der Überschrift „Vorbild Planwirtschaft“, in dem Sätze fielen wie: „In China fällt es dem Staat auch leichter, durch gelenkte Medien die Stimmung im Volk zu beeinflussen.“ Es klang irgendwie bewundernd.

„Ein britischer Investmentbanker hat zu mir gesagt: Gabor, you have energized your readers“, sagt Steingart. Man könnte übersetzen, er polarisiert. Steingart sieht es so: „Die Leser sind jetzt mehr dabei.“ Auf jeden Fall haben Briefe und E-Mails zugenommen. Und mancher Manager rieb sich verwundert die Augen, als Steingart den Übernahmepoker zwischen Schaeffler und Continental als Comic darstellen ließ. „Jungen Leuten gefällt so etwas“, sagt Steingart, „Stammleser mag es vielleicht irritieren.“ Dennoch will er erwähnt wissen, dass die Zeichnungen zu grob zu Maria-Elisabeth Schaeffler waren. „Sie ist eine beeindruckende Frau.“

Steingart sitzt in seinem Düsseldorfer Büro, das erstaunlich trist wirkt. Die einzige Verzierung an der Wand ist ein riesiger Flachbildfernseher. Im Bücherregal liegen ein paar Krawatten. Steingart bestellt bei seiner Sekretärin Kaffee. Entkoffeiniert. „Ich bin schon munter genug.“

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01. Oktober 2010 von ralfgeissler
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Der gläserne Reporter

Der Blogger und Journalist Michalis Pantelouris hat in Griechenland den Tod einer deutschen Sängerin recherchiert und seine Arbeit permanent im Internet dokumentiert. Dramaturgisch ist er mit seiner „Live-Reportage“ gescheitert. Trotzdem lässt sich aus dem Projekt etwas lernen.

journalist 10/2010

Die Geschichte beschäftigt ihn immer noch. Auch Wochen später in seinem Büro in Hamburg, an diesem Konferenztisch, auf dem so viel Papierkram liegt, dass man nicht sagen kann, wie eigentlich die Tischplatte aussieht. Michalis Pantelouris blickt auf seinen Laptop. „Mir ging diese Recherche wirklich nahe“, sagt der 35-Jährige. „Ich habe mich beruflich noch nie so lange mit einem Menschen auseinandergesetzt.“

Auf seinem Bildschirm ist ein verschwommenes Polizeifoto zu sehen. Es zeigt ein Wohnzimmer in Athen. Die Fensterläden sind geschlossen. Vor der Couch steht auf einer Kiste ein Schachspiel, das akkurat aufgebaut zu sein scheint. Genau lässt sich das nicht erkennen. Pantelouris muss immer wieder in die Mitte des Fotos gucken. Dort hängt eine Tote von der Decke. Sie hat sich selbst umgebracht oder wurde in diesem Zimmer aufgehängt, um einen Mord zu vertuschen. „Das ist die Frage“, sagt Pantelouris. Das ist seine Geschichte.

Rund zwei Wochen lang hat der freie Journalist und Blogger die Todesumstände der jungen Frau recherchiert, die Susan Waade hieß und in Berlin geboren wurde. Als 25-Jährige war sie nach Griechenland gezogen, um dort Sängerin zu werden. Pantelouris hat einige Lieder von ihr auf seiner Festplatte gespeichert. Er klickt auf den Titel „Ein Schiff wird kommen“ und eine sanfte Altstimme erfüllt sein Büro. „Susan singt akzentfrei griechisch“, sagt Pantelouris bewundernd. „Und wenn sie deutsch singt, klingt sie wie Melina Mercouri.“

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01. September 2010 von ralfgeissler
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Im Sumpf

Zwei Leipziger Journalisten haben für den Spiegel und für ZEIT ONLINE zur Korruptionsaffäre in Sachsen recherchiert. Sie befragten ehemalige Zwangsprostituierte, die ranghohe Juristen als ihre Freier wiedererkannt haben wollen. Nun stehen die Journalisten in Dresden vor Gericht.

journalist 07/2010

Plötzlich geht es um eine Haftstrafe. „Dafür hatten Sie doch anfangs plädiert“, sagt der Richter. Der Nebenkläger nickt. „Ja selbstverständlich“, antwortet seine Rechtsanwältin.

Amtsgericht Dresden Ende Mai. Auf der Anklagebank sitzen die Leipziger Journalisten Thomas Datt und Arndt Ginzel. Zum ersten Mal in ihrem Leben stehen sie vor Gericht. Für einen Text, den sie mitrecherchiert, aber nicht selbst geschrieben haben. Und für zwei Fragen, die sie nach eigenen Worten auch als Aussagen hätten formulieren können. Haftstrafe. Thomas Datt schüttelt ungläubig den Kopf.

„Wir haben uns nichts vorzuwerfen“, sagt er wenige Tage später in Leipzig. „Wir haben ordentlich gearbeitet“, sagt auch sein Partner Arndt Ginzel. Die beiden freien Journalisten kennen sich mit schwierigen Themen aus. Sie haben zur Leuna-Affäre recherchiert. Einen Film über Angehörige von getöteten Afghanistan-Soldaten gedreht. Vor Gericht geht es nun um einen Aspekt im sogenannten Sachsensumpf. Um Zwangsprostituierte und ihre Kunden. Um die Frage, was geschrieben werden darf. Und es geht um die Ehre. „Am Anfang war ich geradezu beleidigt, als man uns vorwarf, wir hätten schlecht recherchiert“, sagt Datt.

Doch ihre Geschichte ist so unglaublich, dass mancher Krimiautor sie konstruiert finden könnte. Sie reicht zurück ins Jahr 1992, als der Ex-Boxer Michael W. in Leipzig ein Wohnungsbordell mit Minderjährigen betrieb. Bis zu acht Mädchen mussten dort ihre Körper verkaufen. Die Jüngste war gerade einmal 13 Jahre alt. Ende Januar 1993 stürmten Polizisten das sogenannte Jasmin. Der Zuhälter wurde festgenommen und zu vier Jahren Haft verurteilt. Ein relativ mildes Urteil. Das fanden einige schon damals.

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01. Juli 2010 von ralfgeissler
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Der Aufräumer

Paul-Josef Raue leitet seit 100 Tagen die Thüringer Allgemeine. Er setzt dort jene Maßnahmen um, die sein Vorgänger Sergej Lochthofen falsch fand. Die Redaktion schwankt zwischen Hoffen und Bangen.

journalist 04/2010

Es muss Menschen geben, die Paul-Josef Raue wirklich verachten. Wer im Internet oder in Archiven nach seinem Namen sucht, stößt auf Polemik, Geläster und Anfeindungen. Da ist von einem Theoretiker mit Wagenburgmentalität die Rede. Von nie gekannten Tiefpunkten der Zusammenarbeit. Vom Königsmörder. Und von einem Provinzjournalisten, dem der Bürgermeister wichtiger war als die Bürger.

„Ja“, bestätigt Raue, „mein Internet-Image ist verheerend.“ Und dann fragt er: „Kennen Sie schon die neue Glosse von Klaus Kocks?“ Der Kommunikationsberater beschreibt den 59-Jährigen im PR-Magazin als eine Mischung aus Dampfplauderer und Despoten. „Das war bislang das Böseste, was über mich erschienen ist“, sagt Raue. Er lächelt sanft. Viel Feind, viel Ehr.

Seit exakt 100 Tagen leitet Raue die Thüringer Allgemeine. Er sitzt im Büro des Chefredakteurs im zweiten Stock des Verlagsgebäudes am Rand von Erfurt. Vieles erinnert hier noch an seinen Vorgänger Sergej Lochthofen. Im Regal stapeln sich zurückgelassene Bücher. Der ausladende graue Schreibtisch stößt wie eh und je tief in den Raum. Auch Lochthofens schwarze Designer-Sessel stehen noch an der Stelle, die er dafür ausgewählt hat. Raue ließ im Büro nichts umräumen und hat nichts hinzugefügt – mit Ausnahme einer kleinen Hängeregistratur. „Ich mag Ordnung“, sagt er.

Auch Lochthofen bemühte sich stets um einen aufgeräumten Eindruck. Doch während der alte Chefredakteur stark nach überregionaler Anerkennung strebte, setzt Raue aufs Lokale. „Unser Hauptstadtbüro muss sich jetzt häufiger damit beschäftigen, wie die Bundestagsabgeordneten aus Thüringen abgestimmt haben“, sagt er und spricht von mehr Bürgernähe. Seit Januar erscheint täglich eine Leserbriefseite, auf der auch eingesandte Gedichte abgedruckt werden. Mancher Feuilletonredakteur hat mitleidig gelächelt. Die größten Veränderungen stehen aber noch bevor.

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01. April 2010 von ralfgeissler
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Einerseits, andererseits

Seit einem halben Jahr leitet Ines Pohl die taz. Sie verdient nur noch halb so viel früher. Und vielleicht wäre sie heute reich, wenn sie als Jugendliche auf ihre Gesangslehrerin gehört hätte. Stattdessen ärgert sie sich nun mit einem Riesen-Penis an der taz-Fassade herum.

journalist 03/2010

Am Anfang hat sie eines klar gestellt. Endlose Debatten kann sie nicht ertragen. Ines Pohl hat bei der taz die Sitzungen gestrafft. Nie wieder sollen die Immergleichen ewig um Banalitäten streiten. Wenn eine Diskussion eskaliert, stellt die Chefredakteurin Rednerlisten auf. „Früher hatten es junge Kollegen schwer, hier zu Wort zu kommen“, sagt Pohl. „Vielleicht sogar schwerer als in anderen Redaktionen.“ Das sei nun besser.

Seit Juli leitet die 42-Jährige die taz. Man kann nicht sagen, dass die Zeitung seitdem frecher, linker oder origineller geworden ist. Pohl wirkt bislang vor allem nach Innen. Sie bittet in die rote Ledersitzgruppe ihres Büros. Der flache Glastisch zwischen Couch und Sessel glänzt frisch poliert. Am Fenster wuchern Grünpflanzen. Am Bücherregal lehnt eine lebensgroße Pappfigur von Michele Obama, die lächelnd in die Hände klatscht. „Die Figur hat mir meine amerikanische Freundin geschenkt“, sagt Pohl. „Damit mir hier wenigstens eine applaudiert.“

Pohl lacht. Wer ihr das erste Mal begegnet, spürt schnell, dass sie anders tickt als ihre zierliche, quirlige Vorgängerin Bascha Mika. Pohl kann mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme Räume füllen. Sie wirkt ruhig, selbstbewusst und durch ihre dunkle Kurzhaarfrisur ein wenig burschikos. Nachdem sie die Chefredaktion übernommen hatte, kaufte sie erst einmal einen höhenverstellbaren Schreibtisch. „Der alte passte nicht zu meiner Körpergröße.“

Manchem Kollegen war sie anfangs zu selbstbewusst. Während ihrer ersten Tage wurde Pohl als „Chefpraktikantin“ verspottet. Sie hatte noch nie bei der taz gearbeitet, kannte weder Redakteure noch Gepflogenheiten. Dass sie in einem Interview dem Spiegel erzählt hat, die taz müsse „dezidierter, frecher, mutiger sein“, kam in der Redaktion nicht gut an. Auch ihre Aussage, sie wolle das Blatt „weiter links positionieren“ irritierte viele.

Doch Pohl hat es innerhalb weniger Monate geschafft, die Stimmung zu drehen. Sie lernte das Redaktionshandbuch auswendig, prägte sich Namen und Gesichter ein. An manchen Tagen blieb sie 14 Stunden im Büro. „Ines ist extrem präsent, redet mit allen“, lobt heute Geschäftsführer Kalle Ruch. „Erstaunlicherweise wirkt sie gar nicht mehr wie eine, die neu im taz-Kosmos ist“, sagt Sonntaz-Ressortleiter Georg Löwisch. „Ines kann Diskussionen sehr gut moderieren“, freut sich Inlandsressortleiter Ulrich Schulte.

Pohl führt die Redaktion inzwischen, fast ohne anzuecken. Das ist eine Leistung. Aber wer nirgendwo aneckt, stößt auch nichts an. Konzepte, Visionen, Ideen. Die selbstbewusste Chefredakteurin hält sich erstaunlich zurück. „Ich bin nicht mit einem Masterplan angetreten“, sagt Pohl. „Wenn man von Außen kommt, ist man gut beraten, erst einmal zuzuhören.“

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01. März 2010 von ralfgeissler
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Der Kaufmann

Bereits zum zweiten Mal leitet Uwe Vorkötter die „Berliner Zeitung“. Vor vier Jahren ging er als Held. Zurückgekehrt ist er als Sanierer.

journalist 02/2010

Sie werden ihn nicht schonen. Das weiß er. Uwe Vorkötter sitzt im 13. Stock der Berliner Zeitung. Ein trister Raum ohne Pflanzen, ohne Schmuck. Hier hat der Chefredakteur ein Konzept erarbeitet. Es soll die Qualität der Berliner Zeitung auch bei sinkenden Erlösen sichern. „Meine Redakteure sind sehr selbstbewusst“, sagt Vorkötter mit einer Mischung aus Stolz und böser Vorahnung. Die Frage ist, wie sie reagieren werden.

Einst war Vorkötter der wohl beliebteste Chefredakteur des Landes. Seine Redaktion nannte man die „Rebellen vom Alexanderplatz“. Und er führte sie an. Vorkötter kämpfte mit seinen Kollegen gegen den britischen Investor David Montgomery, der den Berliner Verlag kaufen und auf Rendite trimmen wollte. Mehr als vier Jahre ist das schon her. Der Kampf ging verloren. Aber die Erinnerung an eine Zeit, als alle zusammen standen – der Betriebsrat, die Redaktion, alle Chefs – lässt selbst einen Analytiker wie Vorkötter sentimental werden. „Es war eine aufregende Zeit“, sagt er. „Aber es war kein Normalzustand.“

So richtig normal ist der Zustand heute auch nicht. Aber Vorkötters Rolle hat sich verändert. Zwar gehört die Berliner Zeitung wieder einem Unternehmen mit publizistischem Anspruch: Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont hat das Blatt vor einem Jahr übernommen und will es langfristig entwickeln. Doch die Wirtschaftskrise macht auch ihm zu schaffen. DuMont beauftragte Vorkötter, seine Abonnementszeitungen enger zu verzahnen. Seitdem grübelt der 56-Jährige, wie stark Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger und Mitteldeutsche Zeitung kooperieren können.

„Wir haben ein halbes Jahr lang an unserem Konzept gearbeitet, geredet, gestritten und den Konsens gesucht, soweit es ging“, sagt Vorkötter. Jetzt sind die Pläne fertig. Der Chefredakteur will im April einen Pool aus mehr als zwanzig Redakteuren für Politik und Wirtschaft bilden. Das Team soll unter anderem die einzelnen Parlamentsredaktionen ersetzen und alle vier Titel mit Artikeln bedienen. Die meisten Mitarbeiter werden ihren Arbeitsplatz in Berlin haben. Einige werden bei der Frankfurter Rundschau angesiedelt und dort über Wirtschaftsthemen schreiben. In beiden Häusern bekommt der Pool eigene Räume. Die Redaktionsgemeinschaft, so Vorkötter intern, werde mit erstklassigen Autoren besetzt. Ein schönes Kompliment. Doch es drohen Widerstände.

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01. Februar 2010 von ralfgeissler
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Die fesche Lola

An der Seite von Jörg Thadeusz präsentiert Annette Gerlach die RBB-Talkshow „Dickes B.“ In Frankreich kennt sie bereits jeder. Denn Gerlach moderiert auf Arte nicht nur fließend französisch, sie erinnert auch an eine deutsche Schauspielerin.

journalist 01/2010

Man soll Texte über kluge Frauen ja nicht mit ihrem Aussehen beginnen. Aber bei Annette Gerlach drängt es sich einfach auf. Wenn man die 45-Jährige das erste Mal trifft, denkt man sofort: Sie ähnelt Marlene Dietrich. Genauso schlank, genauso blond, genauso kokett. Die gleiche widersprüchliche Mischung aus viel Eleganz und Berliner Schnauze. Ihre Stimme klingt nach dunklem Rotwein, nach Bitterschokolade und Gauloises. Und wenn sich Annette Gerlach durch Berlin bewegt, dann läuft sie nicht, sie schreitet – oder nimmt ein Taxi.

„Den Vergleich höre ich öfters“, sagt Gerlach. Sie sitzt im Restaurant Tomasa in Berlin Zehlendorf. Vor ihr ein Salat-Teller mit Lamm-Filet. Das Tier war vermutlich nicht mehr ganz jung. Gerlach kaut tapfer auf dem zähen Fleisch herum und nuschelt dann: „Reden wir doch einfach mit vollem Mund. Die Franzosen sehen das auch nicht so eng. Die reden immer beim Essen.“ Dann lacht sie beherzt. Und man fürchtet, dass sie sich gleich verschluckt.

Seit Herbst moderiert Gerlach jeden Monat mit Jörg Thadeusz die RBB-Talkshow „Dickes B.“ Es ist ein fröhlicher Freitagabend-Talk aus dem Berliner Tipi. Prominente Gäste plaudern, spielen und musizieren mit dem Babelsberger Filmorchester. Gerlach passt mit ihrer mondänen Art gut ins Programm. Sie ist in der Talkrunde die fesche Lola, Thadeusz der trockene Humorist. Sie ergänzen sich.

Ursprünglich sollte Gerlach nur eine einmalige Gastmoderation neben Thadeusz übernehmen. Doch die erste gemeinsame Sendung gefiel den Verantwortlichen so gut, dass sie Gerlach bis zum nächsten Sommer verpflichteten. Seitdem versucht sie in ihrer Wohnung irgendwie den RBB auf den Bildschirm zu bekommen. „Damit ich den Sender besser kennen lerne.“ Wenn der Fernseher dann läuft, kann sie sich in ihre Badewanne legen und schmettern: „Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin“.

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01. Januar 2010 von ralfgeissler
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Der „Super“-Ossi

Jochen Wolff hält die DDR-Unterhaltung lebendig. Seit 1991 verantwortet der gebürtige Bayer die „Super Illu“. Keine andere Zeitschrift erreicht zwanzig Jahre nach dem Mauerfall so viele ostdeutsche Leser. Doch die Auflage schrumpft.

journalist 10/2009

Zu seinem fünfzigsten Geburtstag haben ihm einige Ost-Stars ein Lied komponiert. „Eine Hymne“, sagt Jochen Wolff und reibt sich die kräftigen Hände. Der Chefredakteur der Super Illu steht in seinem Büro in der Berliner Zimmerstraße. Vor den Fenstern verlief einst die Mauer. Wolff arbeitet gerade noch so im Westteil der Stadt – und damit eigentlich auf der falschen Seite. Aber man kann sich nicht alles aussuchen.

„Eine Hymne für einen Chefredakteur“, triumphiert Wolff noch einmal. „Dat jibt et nur im Osten.“ Er legt eine CD in sein Computerlaufwerk und aus zwei kleinen Plastiklautsprechern schmettert DDR-Fernsehlegende Herbert Köfer einen Marsch: „Er ist echt kein böser Wolff. Auf ihn, da kann man wirklich super zählen. Er will berichten, nicht einfach dichten.“ Wolff lächelt. Bei seiner Geburtstagsparty vor zehn Jahren in der Kleinen Revue im Berliner Friedrichstadtpalast hat Köfer das vor allen Gästen gesungen. Und Wolff war gerührt.

„Ich werde das demnächst mal ins Internet setzen“, sagt er. „Sollen sich die Kollegen doch das Maul zerreißen. Sollen sie nur.“ Er spielt die kompletten drei Strophen ab – so laut, dass auch die Nachbarbüros etwas davon haben. Wolff wirkt in diesen Minuten sehr zufrieden.

Mögen Westdeutsche bei seinem Namen irritiert die Stirn runzeln, im Osten ist Jochen Wolff ein Star. Ein richtiger Medienzar. Keine andere Zeitschrift verkauft sich in Ostdeutschland so gut wie seine Super Illu. „Jede Woche erreichen wir hier deutlich mehr Leser als Spiegel, Focus, Stern und Bunte zusammen“, sagt Wolff. Die Reichweite liegt bei traumhaften 22,6 Prozent.

Das liegt daran, dass Wolff als einziger Chefredakteur die alten Ost-Promis hätschelt und pflegt. Wer etwas über Wolfgang Lippert, Frank Schöbel oder Dagmar Frederic lesen will, muss zur Super Illu greifen. Dort dürfen die Altstars erzählen, dass in der DDR nicht alles schlecht war. Schon gar nicht sie selbst. Und damit trifft Wolff einen weiteren Nerv seiner Leser. Er streichelt ihr Selbstbewusstsein.

Als Angela Merkel 2005 zur Regierungschefin gewählt wurde, titelte Wolff: „Wir sind Kanzler“. Und wenn es mal ein Westdeutscher auf seine erste Seite schafft, wie der Musikmanager Thomas M. Stein, dann sollte er dort schon Sätze sagen wie: „Mein Herz schlägt Ost!“ Darüber hinaus versorgt Wolff seine Leser mit umfangreichen Ratgebertexten. „Wir verstehen uns als Kompass nach der Wiedervereinigung“, sagt Wolff. „Und wir wollen den Menschen Mut machen. Wir zeigen, was man in der Marktwirtschaft alles erreichen kann.“

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01. Oktober 2009 von ralfgeissler
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24h Volker Heise

Für seine Fernsehdokumentation 24hBerlin ließ Volker Heise dutzende Berliner einen Tag lang mit einer Kamera begleiten. Entstanden ist die längste TV-Dokumentation der Geschichte.

journalist 09/2009

Eine Stadt erzählen. In all ihren Facetten, mit all ihren Brüchen. Volker Heise hat es versucht. Der Regisseur fing einen Tag Berlin ein. Er schickte gleichzeitig achtzig Kamerateams zu mehr als einhundert Menschen in der Hauptstadt und ließ sie einen Tag lang begleiten. Exakt ein Jahr später wird das Ergebnis ausgestrahlt. In der längsten TV-Dokumentation der Geschichte: 24hBerlin. Ein Tag im Leben von Oberbürgermeister Klaus Wowereit, Bild-Chef Kai Diekmann, dem Dirigenten Daniel Barenboim und vielen unbekannten Berlinern wie einer Dichterin, einem Rapper, einem Junkie oder einem Müllfahrer der Stadtwerke.

Nur eine Person fehlt: der Ideengeber. Ein Tag im Leben von Volker Heise.

7 Uhr: Berlin Kreuzberg

Eine Dreizimmer-Wohnung in einem teilsanierten Haus aus der Gründerzeit. Volker Heise sitzt mit seiner Frau beim Frühstück. Die beiden Söhne schlafen noch. Es ist früh am Morgen. Ein paar aufgearbeitete Sechziger-Jahre-Möbel überstrahlen die Schlichtheit der Ikea-Küchenzeile. Auf dem Esstisch stehen Brötchenkorb, Konfitüre und Honig. Heise liest in der Frankfurter Allgemeinen und schlürft Earl Grey aus einer Designer-Tasse von Kaj Franck. „Das ist das Meißener Porzellan fürs moderne Bürgertum“, sagt Heise und lacht. Der 48-Jährige mit der halb eingefassten Brille mag Ironie. Und Selbstironie mag er besonders.

Manche haben über ihn gesagt, er sei verrückt. Oder größenwahnsinnig. Ein Kollege hat Heise vor etwa drei Jahren gefragt, ob er eine Vollmeise habe. Wie er annehmen könne, dass ein Fernsehsender einen ganzen Tag Programm für ihn frei räumen werde. „Solche Stimmen gab es schon“, sagt Heise. Aber dann kaufte nicht nur der RBB sein 24 Stunden langes Portrait über Berlin, sondern auch Arte, TV-Programme in der Schweiz, in Finnland, in Israel und in den Niederlanden. „Es war gar nicht so schwer, die Sender zu überzeugen.“, erzählt Heise. „Viele waren von der Idee fasziniert.“

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01. September 2009 von ralfgeissler
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